Max wandte sich an Friesen und fuhr fort:
»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können, wenn der Braune nicht etwas lahmte. Deshalb mußte ich langsam reiten.«
Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang ein, um ihn mit der Umgebung vertraut zu machen. Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in allen Einzelheiten kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte.
Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde dem Ufer des Baches entlang, bis sie sich endlich unter einem großen Apfelbaum in das weiche Gras streckten.
»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie erzählt,« begann Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben ist. Aber ich muß Dir beichten,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von den Tiefenbachs weiß als bisher.«
Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung mit Mutter Lehnhardt.
»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede gegangen,« scherzte Max, »sie ist allerdings der beste Kenner unserer Familiengeschichte.
Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich der Erzählung der Alten noch ein paar Worte hinzufügen, Du dürftest ohne sie sonst manches unverständlich finden.
Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen Frauennaturen, denen man im Leben nicht allzuoft begegnet. Die Jahre sind ohne große Ereignisse an ihr vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die höchste ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder gegolten. Sie besitzt einen ungemein scharfen Verstand und viel praktischen Sinn. Sentimentale Lebensanschauung ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus voller Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der Freude und dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu geben, die die gütige Natur dem Menschen verliehen hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder dem ernsten Ausdruck Raum zu geben, der immer auf ihrem Gesichte lagert. Tränen sind ihr versagt. Möge sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.«
Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt. Nun fand er auch die Erklärung für Maxens ernsten Charakter, denn der mütterliche Einfluß war unverkennbar.