»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter mehr Gemüt als der Fremde bei ihr vermutet. In ihrem tiefsten Herzen liegen Saiten, die zuweilen mit Macht tönen und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres Klanges an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für sie qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen bleibt sie treu, und was meine Mutter einmal beschlossen hat, führt sie mit einem Willen durch, der vielleicht an Starrsinn grenzt.

Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei Eurer heutigen Begegnung sofort empfunden haben, was für ein Kind dieses achtzehnjährige Mädchen noch ist. Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet. Die Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine heitere Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht alles in rosigem Licht. Sie weiß von der Welt so wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt. Eine glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur die lichte Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und der Sonnenschein unseres Hauses.

Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth schon in frühester Jugend eine unerklärliche Anziehung aus. Sie wendete alles auf, der Überwachung zu entwischen, um hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um wenige Jahre älteren Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr es zuweilen auch kämpfte, gegen den unwiderstehlichen Drang nicht auflehnen. Die Mutter ließ nichts unversucht, um dieser Neigung des Kindes zu begegnen. Zuletzt war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und eines Tages war sie so zornig, daß sie die zehnjährige Elisabeth hart schlug.

Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an dem Kinde zu beobachten. Während es bisher schon bei einem zurechtweisenden Blicke der Mutter Tränen hatte, ließ sie die Züchtigung lautlos über sich ergehen. Und, welch Wunder, – sie lief nicht mehr hinauf, sprach auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche Veränderung war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres Plaudern, ihr heiteres Lachen waren verstummt. Ohne daß man eine Absicht merkte, unterblieben die stürmischen Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich vermißte. Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden im Grase sitzen und mit seinen großen, matten Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr ohnehin sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab, und ihr bleiches Gesicht ward immer schmaler.

Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete sie Elisabeth, und ich konnte in ihren Augen die tiefe Rührung lesen, die sie beherrschte.

So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth wurde von Tag zu Tag bleicher, und ihre Augen wurden glanzvoller. Ihre Bewegungen waren müde, ihre Sprache leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur Mutter, die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die durch ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt war. Aber man sah, wie der Gram das Kind zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte im Innern einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag …

Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten hinter dem Hause. Es war ein prächtiger Frühlingstag. Aber das Kind hatte keinen Blick für den goldenen Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es sein unschuldiges Herz zog.

Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten und sah hinter der Gardine verstohlen hinaus. Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke auf Elisabeth. Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles in der Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich zu frischem, blühendem Leben entwickele, während ihr heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten dem Grabe zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck nach der Tür, – fast schien ihr Fuß sie nicht dahin tragen zu wollen, – und stockend überschritt sie die Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde, das, aus seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie schweigend durch den Garten, öffnete das Türchen, das den Austritt nach den Feldern gestattet und stellte das erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die über den Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem Schlosse läuft.

Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für das Gebaren der Mutter. Und während diese sich wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die Füße sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie fürchtete, wieder zurückgerufen zu werden.

Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder das Zimmer und sank in den Stuhl.