Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine Mutter zum ersten Male in tiefer Bewegung erzittern, als sich die dünnen Arme des jubelnden Kindes ihr liebkosend um den Hals legten …
Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten da droben bis auf den heutigen Tag geblieben. Sie würde das Verbot nicht verstehen, sondern es als eine grausame Härte empfinden.
Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der beiden Familien Tiefenbach entzweit haben, nachdem der ältere Bruder die Braut des Jüngeren beschimpft hatte. Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs auf dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem Namen, nichts mit einander gemein. Die tiefe Kluft kann niemals überbrückt werden! Neben der Liebe zu ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der meine Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben. Der Vater hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt, und seine letzten Worte auf dem Sterbebette waren eine Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem Geiste einzuwirken.
Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung noch heute in der Seele nach, und ihr Einfluß auf meine Anschauungen hat das seinige getan. Die jetzt auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine Abneigung gegen sie nicht unterdrücken. Sie sind die Nachkommen des Mannes, der meine Großeltern tödlich beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden Schatten auf ihren Lebensweg geworfen haben.
Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein, Kinder sind nicht dazu berufen, die Sorgen der Erwachsenen zu teilen. Sie selbst empfindet schon längst, daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie über ihre Besuche auf dem Schlosse schweigen.«
Eine Pause entstand. Dann sagte Max:
»Bernhard, nun erzähle Du mir etwas, ich bin begierig, mehr davon zu hören, wie es Dir in den letztverflossenen Jahren gegangen ist.«
»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir auseinandergegangen sind, recht wechselvoll gewesen.
Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer Kamerad so unliebenswürdig war, mir seinen Degen in den Leib zu rennen, was dem Feldscher Anlaß gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von dem irdischen Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund, denn so, wie ich in diesem Augenblick neben dir liege, bin ich doch ein nicht zu bestreitender Beweis für die Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht. Ich war entschieden noch nicht reif genug für den Eintritt in eine bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen. Freilich verurteilte mich die Blessur zu einer unfreiwilligen Ruhezeit von mehreren Monaten.
Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich öde erschien, da sie nur durch den Garnisondienst ausgefüllt wurde. Selbst der Geduldigste von uns fand diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung herbei. Da schaffte Napoleon Rat.