Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und alles deutete auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg. Diesmal sollten wir unter Bernadotte gegen die Österreicher kämpfen. Bei Linz schwankte das Zünglein der Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied. Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das Bataillon Metzsch, bei dem ich damals stand, kämpfte im ersten Treffen. Wie verzweifelt schlugen wir uns den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir ruhig hinter unserer Artillerie. Wahrscheinlich um unser Interesse an der Schlacht rege zu halten, schlugen die österreichischen Geschosse unaufhörlich in die dichten Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man sah auf unserm Flügel nur noch zurückflutende Truppen. Da erschien der Kaiser bei uns, und bald darauf entschied sich das Schicksal des Tages: der Österreicher wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner Scharmützel, die sich immer niedlicher gestalteten, so daß die letzten von ihnen gegen die vorangegangenen großen Tage sich nur noch wie Friedensübungen ausnahmen.«

Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen ein Lächeln nicht unterdrücken können. Er war noch immer der alte: keck bis zur Kühnheit, lustig bis zum Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich, denn alle die unter dem Kaiser kämpften waren ja so.

»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so langweilig geworden, daß Du ihm selbst das Landleben vorziehst?« scherzte Max.

Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen Augenblick schien er verlegen, dann sagte er:

»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin erzählte, sprach ich das aus, was mich noch bis vor zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich nicht genug des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung vollzogen. So wie bisher, kann es mit den endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich tue meine Pflicht als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert mich aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht aufhören, unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören. Und ich denke, daß ein gedeihlicher Frieden auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes ehrlichen Mannes sein muß.«

»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief Max lebhaft und reichte ihm die Hand hin, in die Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das sind auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal Ruhe halten, und jeder sollte sich mit dem bescheiden, was er besitzt. Freilich taugt die ganze Franzosenwirtschaft nichts, aber so schnell, wie sie über uns gekommen ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt hat jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben dem Kaiser für so manches zu danken.

Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen Weile fort, »wenn es der gleichförmige Dienst nicht war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb, dann kann es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch, Dein altes Versprechen nun endlich einzulösen. Ist es so?«

Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens Gesicht.

»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider gestehen, daß mich die Gefühle, die Du voraussetzest, allerdings nicht bewogen haben, die Residenz zu verlassen, da ich meinen Besuch eigentlich bis zum kommenden Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen.

Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen und Strapazen, und obgleich man nie wußte, ob der nächste Tag einen noch gesund sah, wegen seiner vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte, gefallen. Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als aber die Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes begann, blieben die Zerstreuungen aus. Deshalb waren wir im vergangenen Winter darauf bedacht, uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten haben die Unternehmungslust der Dresdener Bürger aber erklärlicherweise stark herabgedrückt, so daß der Mangel an Einladungen zu den üblichen Bällen und sonstigen Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten jeder in seinem Bekanntenkreise, Stimmung zu machen. Hier und da machte man wohl Anstrengungen, um wieder in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu gleiten; aber die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn wollte nicht aufkommen.