Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe Sichart, der trotz seiner dreiundzwanzig Jahre, und zwar mit einer reizenden, jungen Frau, schon verheiratet war, schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine ganze Anzahl von uns, meistens Leutnants, traten dem Finkenkasten, wie wir unsern Bund tauften, bei. Hauptmann von Einsiedel war der Vorstand. Wir Bündler hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit nahm die Mitgliederzahl des Finkenkastens zu; auch einige Bürgerfamilien traten bei. Jeder war willkommen. Der Grad der Freude unter den Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich nach der Anzahl der Angehörigen, die der Hinzutretende anmeldete. Geheimrat Vogel brachte es auf fünf. Darüber besondere Freude! Und als Oberstleutnant von Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach ihrem Alter fragten wir nicht. Der Finkenkasten aber zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und nahezu noch einmal so viel Damen.
Als wir bei der Gründung des Klubs unsere Meinungen zum besten gaben, wieviel Mitglieder er wohl nach einem Monat zählen würde, riet der immer zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten uns auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb lachten wir ihn aus und meinten, er könne nie genug bekommen. Als nun aber fast das Hundert voll geworden war, lachten wir wieder über ihn, weil er so schlecht geraten hatte.
Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen, deshalb wurde ich in das Vergnügungskomitee gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem Maße, und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem Vertrauen der Bündler würdig zu zeigen.
Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen Saal und trafen Vorbereitungen für das erste Fest, das den Reigen beginnen und deshalb besonders glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und geprobt. Als es sich darum handelte, einen von uns als Regisseur zu dingen, kam man allgemein auf mich. Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden der sehr rührseligen Komödie ob.
Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern ihre Rollen einzupauken. Mit der ersten Probe war ich nicht sonderlich zufrieden und glaubte, meinem überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen, daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie auf das Studium der Rollen verwendet hätten. Die Wahrheit war freilich gerade das Gegenteil, denn sie hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen. Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren stolz auf ihre Leistungen, und jeder drückte mir zum Abschied wohlwollend die Hand.
Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast jeder heiser und ich obendrein völlig durchnäßt war, schien das Zusammenspiel endlich erträglich zu sein. Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung und die Bewegungen der Schauspieler zu studieren und empfand plötzlich ein Interesse an mancherlei Dingen, an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber für einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich sind. Nun wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest stattfand, denn mich überfiel eine noch nie gekannte Unruhe. Die Glieder zitterten mir wie einem Hundertjährigen, und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes zogen allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam, offen gesagt, ein gelindes Grausen vor meiner Würde.
Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles ging wie am Schnürchen. Ich teilte noch einige kritische Ratschläge aus, wie den, die Stimme nicht allzu heftig zu erheben, da mancher der Kameraden im Feuereifer seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der junge Sichart, der im gewöhnlichen Leben im Regiment mein elfter Hintermann, auf der Bühne aber mein Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein, die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen, da dies ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde. Und um es nicht bloß bei Ratschlägen zu belassen und den für solche Leistungen weniger gut Begabten ein Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle vor, in der ich der Geliebten meine Erklärung abgeben und, da sie mich nicht erhören durfte, rasen mußte. Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus, als ob es nicht mehr Spiel wäre. Und da ich mich andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte ärgern müssen, freute ich mich darüber.
Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von kaum zwanzig Jahren und die Schwester der Frau von Sichart. Mir erschien es immer, als ob sie ihre Rolle mit hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine Liebesschwüre sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht, und es mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein Gehör schenken durfte.
Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt und – gefiel. Alle Zuschauer waren entzückt; meine Partnerin und ich sowie Sichart, mein Großvater, waren die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust. Länger hätte ich aber die Aufregung auch nicht mehr ausgehalten. Ich zitterte wie Espenlaub, denn ein Gefühl unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden, das ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und Wagram nicht gekannt hatte.
Aber nun war alles vorbei, und es war über alle Erwartungen gut ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte man mich, um mich zu beglückwünschen, und mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte Sichart und zog ihn in einem anstoßenden Zimmer an einen Tisch nieder, um mit einem labenden Trunk das eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen, weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken mit uns und gingen wieder. Wir blieben sitzen. Vom Tanzen konnte bald füglich keine Rede mehr sein. Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde Braut in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns, und das Plaudern mit ihnen bot viel Stoff zu herzlichem Lachen. Dann waren sie mit einem Male verschwunden. Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von unserer ganzen Unterhaltung wußte ich am andern Morgen kein Sterbenswörtchen mehr.