3. Kapitel.

Seit Friesens Ankunft auf dem Freihofe waren nun schon einige Wochen vergangen, und die Ernte war im vollen Gange. Von frühesten Morgen ab war Max draußen auf den Feldern, wohin ihn zuweilen Friesen begleitete. Die Freihoferin leitete trotz ihres Alters noch alle weiblichen Arbeiten auf dem Gute, und ihre Tätigkeit wurde in den Erntetagen stark beansprucht. Am Frühstückstische trafen sich deshalb immer nur Elisabeth und Friesen, während die Mittagsmahlzeit alle vereinigte. Nach dem Abendessen blieb der kleine Kreis noch ein Stündchen plaudernd sitzen, und Friesen hatte oft Gelegenheit, der Freihoferin knappes und treffendes Urteil zu bewundern. Ihr scharfer Verstand fand immer das Richtige, und ein Phrasenmacher hätte ihr gegenüber schweren Stand gehabt, da sie seine Rede augenblicklich und schonungslos zerpflückt hätte.

Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand zur damaligen Zeit erklärlicherweise die politische Lage Europas. Die vorangegangenen Jahrzehnte hatten ja genug Stoff geliefert. Von den Eltern waren die glänzenden Waffentaten Preußens unter seinem großen König den Kindern überliefert worden, und das jetzige Geschlecht hatte die schrecklichen Tage der Pariser Revolution gesehen, nach denen die ganze gebildete Welt das Wachsen des jungen Korsen betrachtete. Anfangs konnte man wohl ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn man von dem Jüngling vernahm, der in der französischen Hauptstadt die oberste Gewalt besaß. Wie viele waren ihm in den letzten Jahren in dieser Stellung nicht vorangegangen, und wie lange würde es dauern, bis auch ihn das Schicksal herunterwarf und er klanglos jenen nachfolgte.

Dann wieder horchte man auf, wie es hieß, daß er, zur Unterdrückung des Pariser Aufstandes der Königstreuen berufen, keine Beschwichtigungsreden an die Aufständischen gehalten, sondern sie ohne Wimpernzucken hätte niederkartätschen lassen. Mit wachsendem Interesse sah man auf den siebenundzwanzigjährigen, kühnen Obergeneral, der trotz der trostlosen Verhältnisse, die die Revolution in seinem Lande zurückgelassen hatte, ein Heer zusammenraffte und diese völlig mutlosen Truppen in kurzer Zeit sich derartig ergeben machen und für den Krieg so zu entflammen wußte, daß sie jeder Gefahr spotteten. Der Soldat wuchs unter solcher Leitung und vertraute blind auf seinen Führer.

Dieser fiel nunmehr in Italien ein und schlug in rascher Aufeinanderfolge mehrere auf den Schlachtfeldern ergraute Feldherren, die sich an der Spitze ihrer kampfgeübten Truppen ihm entgegenstellten. Infolgedessen wurde der Einfluß, den dieser Bonaparte als erster Konsul in Paris ausübte, immer größer.

Und als dann nach wenigen Jahren der Sieger von Marengo und Hohenlinden sich selbst krönte und als Napoleon der Erste zum Kaiser der Franzosen ausgerufen wurde, da empfanden es die Völker Europas, daß der Zwerg, der noch vor einem Jahrzehnt ihre Spottlust erregt hatte, zu einem gewaltigen Riesen herangewachsen war. Man traute seiner Friedfertigkeit nicht, und im nördlichen Deutschland sah man mit gemischten Gefühlen und untätig zu, wie der unfehlbare Eroberer, über Russen und Oesterreicher zugleich, bei Austerlitz einen seiner glänzendsten Siege erfocht, und Schmach und Schmerz beschlich die deutsche Mannesbrust, wie das alte deutsche Reich, dessen gewaltiger Bau den wildesten Stürmen eines Jahrtausends getrotzt hatte, in Trümmer ging.

Eine Bangigkeit überfiel die vom Kriege noch nicht heimgesuchten deutschen Staaten, – die verhängnisvolle Ruhe vor einem Gewittersturm. Und dann kam jener unselige Oktobertag, an dem die Nation Friedrichs des Großen, das starke, das stolze Preußen tief gedemütigt wurde.

Die darauffolgenden Jahre hatten dann nichts als Tod und Verwüstung gebracht. Jetzt schrieb man das Jahr 1811. Was würde wohl noch kommen? Wieviel Schmerzliches, wie viel Erniedrigung barg die Zukunft noch in ihrem Schoße?

Max vertrat die Meinung, daß Sachsen mit den bestehenden Verhältnissen, obwohl sie auch vieles zu wünschen übrig ließen, immerhin noch zufrieden sein könne, denn das Land hätte Napoleon doch für manches zu danken. Er hatte sein Bündnis nicht zurückgewiesen und es zum Königreich gemacht. Und dann: durfte der König den Kaiser nicht seinen Freund nennen?

Die Freihoferin hingegen verwarf diese Ansicht. Das am Boden liegend Preußen war ein Bruderstaat, war deutsch. Von Napoleon konnte Sachsen nicht dauernd Gutes erhoffen, er war und blieb ein Franzose, ein Feind. Was halfen Versprechen, wohl auch Geschenke, wie dieses Herzogtum Warschau, das, richtig besehen, nur das Unglück des Landes vergrößerte. Alle seine Beteuerungen freundschaftlicher Gefühle seien eitel Dunst, drüben aber winke eine Hand, die man nicht verschmähen dürfe, die Hand des blutverwandten Stammes. Freilich, wie eine Änderung zum guten herbeigeführt werden könne, wußte sie nicht. Wie konnte man beim Anblick dieses mit schweren Gewitterwolken behangenen politischen Himmels auch hoffen; kein freundlicher Stern drang durch das dunkle Gewölk.