Aber des Krieges war es für lange Zeit genug, darin waren alle einig.

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Friesen schlenderte am Bache entlang, der infolge der andauernden Sommerhitze fast versiecht war. Nur ein schmaler Streifen Wassers, in einer Rinne in der Mitte des Bettes, hatte sich noch erhalten, und kein Fremder hätte vermutet, daß dieses unschuldige Wässerchen zuzeiten ein wildschäumender Bach werden konnte, der alles mit fortriß, was sich ihm in den Weg stellte und selbst schon Menschenleben gefordert hatte.

Friesen war wieder einmal allein; Max konnte ihm in der jetzigen Zeit unmöglich Gesellschaft leisten. Oftmals vertrieb er sich die Stunden mit Elisabeth im Spiel, – anders konnte er die Unterhaltung mit ihr nicht nennen. Sie liefen mit einander um die Wette, sprangen im hohen Grase herum, oder zogen ihre Schuhe von den Füßen und liefen in das seichte Wasser.

Jeden Tag hatte Elisabeth neue Fragen an ihn zu stellen; ihre Wißbegierde nach dem Leben in der Stadt war unerschöpflich. Zuweilen traf es sich, daß sie etwas von dem, was Friesen ihr am Tage vorher erzählt, trotz emsigen Grübelns nicht richtig verstanden hatte und deshalb eine neue Erklärung erbat.

Aber bald trug es sich zu, daß Friesen öfters fragte als sie. Das Fehlen einer tieferen Kenntnis der Natur in ihrem mannigfachen Kleide wurde ihm erst jetzt so richtig klar. Elisabeth hatte diese schwache Seite an ihm mit lebhafter Befriedigung entdeckt und war sehr stolz, daß sie klüger war als der kluge Stadtherr. Und wie gut sie ihm das geheimnisvolle Weben anschaulich machen konnte! Denn dieses Kind hatte in dem großen Buche der Natur mit vielem Erfolg gelesen. Ihre Kenntnis der Pflanzen, der Insekten, war verblüffend. Mit erstaunlicher Sicherheit beschrieb und suchte sie selten vorkommende Gräser und machte ihn auf kaum bemerkbare Unterschiede in dem Bau einzelner Blüten aufmerksam. Wenn Friesen manchmal einen leisen Zweifel über die Richtigkeit ihrer Belehrung aussprach, so war ihr erstes Wort »die Mutter«, die sie das alles gelehrt hatte, und von deren Unfehlbarkeit sie überzeugt war. Aber seitdem Friesen eines Tages errötend gestehen mußte, daß er die Nadeln der Kiefer von denen der Fichte nicht unterscheiden könne, wagte er es nicht mehr, ihr zu widersprechen. Sie war durch diese Unkenntnis derart überrascht gewesen, daß sie nicht einmal ein Lächeln fand, sondern ihm einen Blick tiefsten Bedauerns zuwarf, als sei ihr bange um sein gesundes geistiges Vermögen. Eine Entschuldigung dieser bewiesenen Schwäche ließ sie nicht gelten. Selbst die schüchterne Einwendung sprach nicht für ihn, daß ihm keine Zeit zur Betrachtung geblieben sei, wenn er mit eigenen Händen so manche junge Kiefer in das auflodernde Lagerfeuer geschoben, oder wenn ihm eine starke Fichte Schutz vor den heranfliegenden feindlichen Kugeln gewährt habe.

Elisabeth wies seine Rechtfertigungen schonungslos zurück und meinte, daß sie es nie begreifen würde, wie man ein Stück Holz ins Feuer werfen könne, ohne dabei zu wissen, welcher Art es sei, oder daß man sich hinter einen Baum stelle und nicht einmal dessen Namen kenne.

Diese und ähnliche Vorhaltungen leuchteten Friesen zwar nicht recht ein, aber er wagte auch keinen Einspruch mehr.

Mit heißen Wangen, die der Eifer erröten ließ, lehrte sie ihm das Schauen und Beobachten. Sie verfolgten mit einander das Wachsen des Halmes, das Werden und Aufbrechen der Knospe und das Schwellen und Treiben der Frucht. Dann wieder führte sie ihn mit blitzenden Augen, an der Hand hinter sich her ziehend, durch das Gebüsch zu Vogelnestern, in denen niedliche, gefleckte Eier lagen, oder die junge Brut piepsend ihre nackten Hälse reckte und die hungrigen Schnäbel weit aufsperrte.

Jeden Vogelruf sollte er kennen; unermüdlich nannte sie ihm den Namen des Vogels, dessen Gesang sie eben gehört hatten. Zuweilen ahmte sie das Gezwitscher nach, und er mußte raten. Dann wieder rief sie den Namen eines der gefiederten Sänger des Waldes, und Friesen hatte, so gut es gehen wollte, mit dessen Gesange zu antworten.