Bei allen diesen Unterweisungen lag auf des Mädchens lieblichem Gesicht der altkluge Ausdruck, der ihr so vortrefflich stand, und von dem es bis zum Lachen doch nur einer ganz kleinen Bewegung der Gesichtsmuskeln bedurfte. Lange konnte sie sich auch nicht beherrschen, dann begann sie selbst wieder zu fragen, oder neckte ihn. Und, – hui, flogen beide um die Wette unter den Bäumen dahin.
Aber heute war Friesen wieder einmal allein. Elisabeth war, wie so manch liebes Mal, verschwunden, und er wußte sie oben auf dem Schlosse.
Langsam war Friesen bis zu dem kunstlosen Stege geschritten, der über den Bach führte und aus einem langen Brett bestand, das mit seinen Enden hüben und drüben auf dem steinigen Uferrand auflag. Er ging langsam und vorsichtig hinüber, denn die Brücke bog sich unter der Last und drohte jeden Unvorsichtigen hinab in den Bach zu werfen.
Auf dieser Seite des Baches war er noch nicht gewesen. Er ging weiter und betrat einen kleinen Buchenwald, der sich in der Flußniederung hinzog. Es waren lauter alte, herrliche Bäume, die hier standen.
Friesen lief unter dem Laubdach hin, zuweilen an einem dichten Brombeergebüsch stehen bleibend und nach frühreifen Früchten suchend. Dann warf er sich in das schwellende Moos, das wie ein dunkelbraunes Sammetpolster unter den Bäumen ausgebreitet war. Eine lange Weile blieb er so liegen. Ueber ihm wiegten die Bäume ihre Kronen, durch die an einigen Stellen der blaue Himmel hindurchsah. Dann kam ein leichter Windstoß, und die Äste rauschten stärker durcheinander.
So gefiel es ihm, – diese wohltuende Einsamkeit war Balsam, der die Wunde in seinem Herzen kühlte.
Endlich sprang er wieder auf und ging nach dem Stege zurück. In Gedanken versunken und die Augen gesenkt, schritt er dahin. Da war es ihm, als wenn er Rascheln von Laub wie unter menschlichen Tritten gehört habe, und fast gleichzeitig klang ein unterdrücktes Kichern.
Friesen sah sich erstaunt um und bemerkte in kurzer Entfernung seitwärts des Weges, am Fuße einer mächtigen Buche, zwei Frauengestalten, die ebenfalls geruht haben mochten und die sein Näherkommen aufgescheucht hatte.
In der kleineren von beiden erkannte er Elisabeth. Von ihr war auch zweifellos das unterdrückte Lachen ausgegangen, denn ihr Gesicht verriet noch zu deutlich die Freude, die sie empfand, ihn überrascht zu haben. Friesen fand kaum Zeit, ihr zuzunicken. Sein Blick war zu dem anderen Mädchen geglitten, dessen Arm Elisabeth umschlungen hielt. Es war eine hohe, herrlich gebildete Frauengestalt. Aus dem feingeschnittenen Gesicht blickte ein sinnendes Augenpaar herüber, über dem dunkle Brauen ihre hochgewölbten Bogen gezeichnet hatten. Auf dem Kopfe trug sie einen dichten Kranz brauner Zöpfe. Die Erscheinung dieses Mädchens bot ein Bild von Anmut und entzückender Frauenschönheit.
Friesen zögerte einen Augenblick mit dem Weiterschreiten, und er schwankte, ob er sich den Mädchen nähern solle. Dann aber kam ihm blitzschnell das Verständnis für die Lage, und die Rücksicht auf seine Gastgeber bewog ihn, weiterzugehen. Er grüßte tief hinüber und bemerkte, daß das schöne Mädchen errötete und seinen Gruß durch leises Neigen des Kopfes erwiderte.