Auf einem dieser Spazierritte lernte Friesen einen jungen Bauern aus dem Dorfe kennen, namens Konrad Hartmann, den starke Freundschaftsbande an Max fesselten, und der, wie Friesen schnell bemerkte, sich einer besonderen Wertschätzung durch die Freihoferin rühmen durfte.

Konrad Hartmann besaß einen kleinen Hof, der am Ende des Dorfes lag, und in dessen Nähe, der mündlichen Überlieferung nach, auf einem Hügel in früheren Zeiten ein Galgen gestanden haben sollte. Jetzt war davon freilich nichts mehr zu sehen, aber der Name war geblieben, denn das Hartmannsche Anwesen hieß allgemein der Hof am Rabenstein und sein Besitzer kurzweg der Rabensteiner.

Konrad ritt einen struppigen Fuchshengst, ein feuriges Tier edelster Rasse, das ihm vor einigen Jahren ein französischer Offizier halb geschenkt hatte, dem es darauf ankam, daß das kranke Pferd recht gute Pflege erhielt. Unter Konrads sorgfältiger Wartung hatte sich das Tier langsam wieder erholt, und nun hing der junge Mann, der weithin den Ruf eines ausgezeichneten Reiters genoß, an dem Hengst mit geradezu brüderlicher Liebe.

Konrad Hartmann war ein Feuerkopf und so etwa gerade das Gegenteil des in seinen Entschließungen schwerfälligen Max. Mit Staunen hörte Friesen den einfachen Bauernsohn über die politischen Verhältnisse treffende Worte sprechen. Sein Urteil über die zweideutige Rolle, die Sachsen seit der Katastrophe von Jena spielte, war vielleicht zu hart und für die Leiter der Geschicke des Volkes schonungslos. Aber von seinen Plänen über die Befreiung von den unwürdigen Fesseln, die das Land mit dem Kaiser verbanden, ging ein Hauch glühender Begeisterung aus und alle Gefahr nicht achtender Liebe zu seinem Vaterland. Leider litten diese Pläne, wie sich Friesen gestand, an dem großen Fehler, daß sie niemals verwirklicht werden konnten, denn Alldeutschland lag gedemütigt am Boden, und der Stern des gewaltigen Eroberers hatte noch nie so glänzend gestrahlt als in diesen Tagen. Dennoch lauschte Friesen gern und mit Aufmerksamkeit Konrads Worten, und es stieg in ihm dunkel die Meinung herauf, daß es solcher Männer, wie diesen, leider nicht genug gäbe unter dem sächsischen Volk.

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Der Sommer war vorüber, der Winter stellte sich ein, – und Friesen weilte noch immer auf dem Freihof und half den ihm so rasch liebgewordenen Menschen in dem einsamen, verschneiten Dorfe die langen Winterabende kürzen. Nun war auch Weihnachten vorüber. Das alte Jahr tauchte hinab in die Ewigkeit und ungewiß, was es bringen würde, schaute man dem neuen entgegen.

Da wurde plötzlich die Harmonie der ruhig dahinfließenden Tage auf dem Freihofe rauh unterbrochen: Friesen erhielt die schriftliche Ordre, sich unverzüglich bei seinem Regimente zu melden. Von den besten Wünschen und Hoffnungen auf frohes Wiedersehen in nicht allzuferner Zeit begleitet, nahm er schweren Herzens von der trauten Stätte und ihren lieben Bewohnern Abschied.

Noch ahnte niemand die schreckenvolle Zeit, der man entgegenging. Aber nur allzubald sollte sich der gnädig verhüllende Schleier der Zukunft lüften, denn von neuem und diesmal unheilvoller denn je, klangen die Kriegstrompeten durch die deutschen Gauen.

Napoleons grenzenloser Hochmut geizte nach neuem Ruhm. Die Taten eines Alexanders, eines Karls des Großen standen ihm beständig vor der Seele und trieben seinen empfindlichen Ehrgeiz bis ins Maßlose. Die Völker zwischen dem Rhein und der Oder lagen zu seinen Füßen, und ihre Herrscher buhlten um seine Gunst. Nur Rußland stand noch aufrecht und spottete der Eroberungsgelüste des Kaisers. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Kaiser Alexander war seit dem Wiener Frieden immer kälter, zuletzt feindselig geworden, bis endlich Rußlands Forderungen, Napoleon solle die französischen Besatzungen aus Pommern und Preußen zurückziehen, die Kriegserklärung folgte.

Ganz Europa hallte wider von den ungeheuern Rüstungen der beiden mächtigen Gegner.