Der Kaiser hatte schon seit länger als einem Jahre mit den Vorbereitungen für diesen Krieg im Geheimen begonnen. Wie er nie aufgehört hatte, Preußen zu mißtrauen, sah er dem Zusammenstoße mit Rußland wie etwas Unvermeidlichem entgegen. Sein erster Schritt war gewesen, die Besserung der sächsischen Heeresverhältnisse bei dem Könige von Sachsen auf das eifrigste zu betreiben. Und eine gründliche Umgestaltung war hier nach den Erfahrungen der letzten Feldzüge allerdings ein unabweisbares Bedürfnis. Vor allem galt es, eine Menge veralteter Einrichtungen zu beseitigen und das Heer von der ihm anhaftenden Greisenhaftigkeit zu befreien. Eine Anzahl alter, unfähiger Generale wurde verabschiedet, und mehrere jüngere, befähigte Stabsoffiziere, die die napoleonische Schule gebildet hatte, rückten mit einer für die damaligen Verhältnisse unerhörten Schnelligkeit auf.

Das weitere Verlangen des Kaisers ging dahin, in Sachsen einen großen befestigten Platz anzulegen, wozu Torgau ausersehen wurde.

Der leitende Minister der auswärtigen Politik Sachsens war zu jener Zeit Senfft von Pilsach, der keineswegs wie sein Vorgänger zu den knechtischen Bewunderern Napoleons gehörte. Ja, er haßte ihn und trug sich mit Gedanken an eine Abschüttelung des französischen Jochs. Mit welch segensreichem Erfolge seine Tätigkeit hätte gekrönt sein können, wie viel Kummer und Verlust an Menschen, Land und Eigentum Sachsen erspart geblieben wäre, wenn die Pläne dieses Mannes nicht von einer Niederwerfung Preußens ausgegangen wären, auf dessen Trümmern er die Aufrichtung einer sächsisch-polnischen Macht im Herzen Europas erträumte. In einer unbegreiflichen Verblendung wähnte er Preußen auf alle Zeiten verloren, und aus diesem Grunde liefen seine Gedanken, anstatt mit Preußen Verbindung zu suchen, darauf hinaus, seinen Niedergang zu beschleunigen.

Um den Osten zu stärken, hatte Napoleon ungeheure Waffenvorräte in dem Großherzogtum Warschau angehäuft und die polnischen Reiterregimenter umgewandelt und verstärkt, um im Falle des Krieges die lästigen Kosakenschwärme von dem französischen Heere fernzuhalten. Weiter war die Bildung von Nationalgarden, die Verstärkung von Festungen und deren Armierung an der russischen Grenze sowie die Bereithaltung großer Mundvorräte in den Magazinen anbefohlen. Schon in der Mitte des Jahres 1810 war in Dresden ein französischer Stabsoffizier erschienen, um zu horchen, ob der Kaiser in jedem Falle auf die sächsische Armee rechnen könne.

Die Stimmung in Sachsen war beim Ausbruche des Krieges nicht überall dieselbe. Das verjüngte, trefflich geschulte Heer freilich war von kriegerischem Geiste beseelt und vertraute blind dem Genius des Kaisers. Der Erfolg des Feldzuges erschien im voraus gesichert, und der glückliche Ausgang versprach hohen Gewinn für das Land.

Die Bevölkerung teilte jedoch diese hoffnungsvolle Meinung nicht. Der Bauer war des unaufhörlichen Kriegführens müde und sehnte sich nach bleibender Ruhe. Die vorangegangenen Feldzüge hatten zuviel Blut gefordert und das Land ausgesogen und bis an den Rand des Ruins gebracht. Aber das sächsische Volk war gewöhnt, seinem Fürsten zu folgen und ihm sein ganzes Vertrauen zu schenken. Deshalb legte man auch diesmal wieder das Geschick des Landes zuversichtlich in die Hände des geliebten Königs.

Und so folgte Sachsen dem mächtigen Strom, der es in einen der schrecklichsten Kriege, den die Weltgeschichte kennt, hineinriß, und dessen Folgen für das unglückliche Land so verhängnisvoll werden sollten.

4. Kapitel.

In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 benachrichtigte Napoleon König Friedrich August durch einen Ordonnanzoffizier von seiner baldigen Ankunft in Dresden. Am 13. Mai überschritt der Kaiser in Begleitung seiner Gemahlin und umgeben von einem glänzenden Hofstaat in der Nähe von Plauen die sächsische Grenze, wo ihm der vom König entsandte Oberkammerherr von Friesen und General von Gersdorff namens ihres Monarchen ehrfurchtsvoll empfingen. Der König und die Königin selbst erwarteten den hohen Gast in Freiberg. Infolge der zahlreichen Huldigungen, die dem Kaiser auf der Fahrt von den Behörden dargebracht wurden, verzögerte sich seine Ankunft, und die Folge war, daß der König sich am Abend kaum zur Ruhe begeben mochte und nur mit vieler Mühe bewogen werden konnte, sich einige Stunden Schlafes zu gönnen. Gegen Morgen traf das Kaiserpaar in dem Städtchen ein, dessen Bewohner während der ganzen Nacht auf den Beinen geblieben waren. Die ersten Schimmer des anbrechenden Frührots mischten sich mit der festlichen Beleuchtung der Stadt.

Am Abend dieses Tages hielt der Kaiser unter dem Geläute der Glocken seinen Einzug in Dresden. Die märchenhafte Beleuchtung dieser schönen Stadt und des lieblichen Elbtales während der Kaisertage übertraf selbst alle derartigen Schauspiele, womit der verschwenderische, prunkliebende Kurfürst August der Starke seine Residenz einst verwöhnt hatte.