Außer dem Kaiser und der Kaiserin von Österreich hatten sich zahlreiche Fürstlichkeiten, hohe Offiziere und Staatsmänner in der sächsischen Landeshauptstadt eingefunden. Glänzende Feste wurden veranstaltet, von denen jedes eine rauschende Huldigung des Allgewaltigen zum Mittelpunkt hatte. Es waren Tage der verschwenderischsten Prachtentfaltung, des höchsten Glanzes.

Die deutschen Fürsten übertrafen sich gegenseitig in der Begierde, einen Gunstbeweis von dem Kaiser zu erhalten, und wenn er einen von ihnen ausgezeichnet hatte, sah dieser stolz auf die, die sich noch immer um einen gnädigen Blick des Gefürchteten bemühten.

Napoleon hatte den Gipfel seiner Macht erklommen.

Nur ein einziger von Deutschlands Fürsten ließ sich von dem Strahlen des Kaiserlichen Gestirns nicht blenden; es war der König von Preußen, der gebeugt und düster durch die Versammlung schritt. König Friedrich August von Sachsen wich seinem Blick aus, und mit Ängstlichkeit mied ihn der Kreis der Fürsten. Der Kaiser bemerkte dies mit freudiger Genugtuung, die aber bald großem Verdrusse Raum gab, als er hörte, welch teilnehmende Hochachtung die Dresdner Bevölkerung dem preußischem König entgegenbrachte, während ihn, den Kaiser, überall nur Neugierde und das dumpfe Schweigen des Grolls empfing.

Am 29. Mai verließ Napoleon Sachsens Hauptstadt, um das Kommando der Armee zu übernehmen. König Friedrich August war, um den Abschied von dem erhabenen Gast nicht zu versäumen, so besorgt, daß er nicht wagte, zu Bett zu gehen, sondern die Nacht im Stuhle verbrachte. Zuletzt hätte er den richtigen Augenblick beinah noch versäumt, doch gelang es ihm, dem Kaiser noch bei seinem Hinabschreiten auf der Treppe mit flüchtigen Worten Lebewohl zu sagen.

Eine verzehrende Unruhe lastete wie ein schwerer Druck auf dem sächsischen Volke. Der Sommer verging, der Herbst nahte und entschwand, und bald brauste der Winter mit fürchterlicher Strenge ins Land, und man gedachte mit banger Besorgnis derjenigen, die weit entfernt von der Heimat in den unendlichen Schneefeldern Rußlands ihr Leben für die Laune des verhaßten Despoten wagen mußten.

Anfänglich hatte man genügend Nachrichten von der Armee erhalten: die Kunden der Schlacht bei Smolensk und bald darauf des fürchterlichen Gemetzels von Borodino bewiesen, daß die Russen sich ihrer Angreifer wie Rasende erwehrten. Dann verstummten alle Nachrichten lange Zeit, und ihr Ausbleiben verschärfte die Qualen, die die daheim erlitten. Plötzlich leuchtete es an dem dunkeln Himmel wieder auf. Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte ganz Europa: die Kunde des Brandes von Moskau drang herüber. Aber die Sorge um den Einzelnen war kaum noch wach, in langen, kummervollen Nächten hatte man sich schon für den Verlust getröstet, mit der Hoffnung, daß dem teuern Sohn ein schmerzvoller Tod erspart geblieben sein möge. Nur schwach glimmte noch in mancher Menschenbrust der Funke der Hoffnung auf ein irdisches Wiedersehen.

Nach dieser Nachricht war wieder Grabesstille. Die ungeheure Armee, deren lärmender Durchzug tagelang gedauert hatte, mit ihren tausend Kanonen und dem nicht endenwollenden Troß, war verschwunden, als wenn sie der Erdboden verschlungen hätte. Schmerzvolles Erwarten, atemloses Aufhorchen, banges Fragen, – – nichts, keine Nachricht. Alles still, als wenn tiefster Friede im Lande herrsche! Nur die östlichen Winde trugen etwas herüber wie Leichengeruch, als ob sie über einen unermeßlich großen Friedhof mit offenen Gräbern gestrichen wären, und aus ihrem Heulen und Brausen klang es wie erstickte Schmerzenslaute und gestammelte Gebete.

So ging man dem Weihnachtsfeste des Jahres 1812, dem heiligen Feste der Liebe und des Friedens entgegen.

Wie hatten doch immer zu dieser Zeit die Herzen höher geschlagen! Noch im vorigen Jahre hatte die Freude alle Gemüter bewegt. Wenn auch genug des Herzeleids die Welt erfüllte, und die dunkle Zukunft viel Schweres in sich bergen mochte, man war vereint, fühlte sich glücklich und war zufrieden mit dem Wenigen, was das gefräßige Kriegsungeheuer einem gelassen hatte.