Aber in diesem Jahre wollte die Herzen kein wonniges Gefühl erwärmen, keine freudige Erwartung erhob die Gemüter.

Alle schlichen scheu umher. Man vermied es, den Nachbar, den Freund zu trösten, in der Besorgnis, den eigenen Kummer zu wecken, zu vergrößern. Ja man wagte zuletzt nicht mehr, zu fragen, aus tötlicher Angst, daß das Entsetzliche sich offenbaren könne.

Ein fürchterlicher Alp lastete auf jeder Menschenbrust, und die Seelen durchzitterte tiefster Schmerz.

Da lief plötzlich ein Raunen durch die Gassen der sächsischen Lande. Zuerst ging das Gerücht wie ein Windhauch. Jeder lieh ihm das Ohr und verstummte jäh vor der entsetzlichen Kunde, unter der sich das Herz krümmte. Dann wurde das Gerücht lebhafter, laut, wuchs zum Lärm an und donnerte endlich wie eine Lawine vor dem Orkan über das hartgeprüfte Volk. Die schwache Hoffnung, die sich im Innern der Stärksten tief verborgen noch erhalten hatte, erlosch in einem einzigen Augenblick. Tötlicher Schrecken lähmte die Glieder und raubte dem Geist den letzten Rest seiner Spannkraft: die riesengroße, stolze Armee war vernichtet! Alles was das russische Blei verschont, der Säbel der Kosaken nicht niedergehauen, der Huftritt ihrer Rosse nicht zerstampft, bei dem Überschreiten des zugefrorenen und halb aufgetauten Dniepr nicht umgekommen, oder bei dem gräßlichen Übergang über die Beresina nicht zerdrückt, zertreten, zwischen den Eisschollen zerquetscht worden war, – lag erstarrt auf den endlosen Eisgefilden. Wie durch ein Wunder, hieß es weiter, hätten sich wenige Tausend gerettet, deren Rückzug sich so gestaltete, daß er in der Geschichte der Kriegsleiden seinesgleichen nicht haben sollte.

Wie ein Feuerstrom ging es von Herz zu Herz; die Unterschiede in den Rangstufen der Menschen schienen aufgehoben. Alle waren nur von dem einen Gedanken beseelt, den zurückkehrenden Unglücklichen die Hände zu reichen. Aber der Wunsch war stärker als die Tat. Große Vorbereitungen konnten nicht getroffen werden, die Hast ließ keiner Überlegung Zeit, und die Kopflosigkeit zerstörte oft wieder das schon bedacht Geschehene. Der Schrecken hatte die Gemüter verwirrt.

Und dann kamen die Trümmer der Armee Napoleons!

Der Hunger hatte die des Weges nur noch Wankenden fürchterlich abgemagert. Unter der schlaffen, farblosen Haut ragten die Backenknochen, das Bein der Nase aus dem hohlen Gesicht schauerlich hervor, und das Haar hing wirr von der Stirn herab. Die Lippen dieser Unglücklichen waren ausgetrocknet, und aus den eingefallenen, matten Augen drang gänzliche Teilnahmlosigkeit, grinste stiller Wahnsinn. Jeder Schein militärischen Ansehens war von ihnen geschwunden. Ihre Füße waren oft nur mit Lumpen oder Stroh umwickelt, die spärlichen Kleider in Fetzen, und um die Blöße des Körpers notdürftig zu bedecken, hatte mancher um die fleischlosen Schultern nur den Rest eines alten Mantels oder ein erbetteltes Tuch geschlungen.

So kamen sie daher, ohne Waffen und kaum fähig sich weiter zu schleppen, das Zeichen furchtbarer Leiden auf der Stirn und dort, wo sie einkehrten, ansteckende Krankheiten verbreitend. Und doch waren es die, die kaum vor Jahresfrist in stolzer Siegeszuversicht ausgezogen waren.

Die Garde du Corps bestand nur noch aus 7 Offizieren und 4 Mann, und von den frischen, kecken Zastrows kehrten 13 Offiziere und 3 Gemeine in das Vaterland zurück.

Und er, der unter dem gewaltigen Schlage des Himmels hätte zusammenbrechen müssen, prahlte in Dresden Sachsens König gegenüber mit seinen unerschöpflichen Hilfsquellen und setzte nach kurzem Aufenthalt, einen Gassenhauer trällernd, in einem schnell auf Schlittenkufen gestellten Wagen der Königin am 17. Dezember seine Weiterreise über Leipzig nach Paris unerkannt fort.