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Am 9. Januar 1813 trafen die ersten dieser Unglücklichen in Leipzig ein. Ein Teil von ihnen, der auf südlicheren Straßen marschiert war, berührte auch Rehefeld. Fast in jedem Dorfe, das diese Trupps passierten, mußten einige der Schwächsten zurückbleiben. Die Bevölkerung wetteiferte in der Aufnahme und Pflege der Soldaten, ohne darauf zu sehen, ob sie einen Deutschen oder einen Franzosen im Hause hatten. Alle waren sie Unglückliche!
Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte sich reicher Schneefall eingestellt, dem starke und anhaltende Kälte folgte. Die Jammergestalten konnten sich kaum noch weiterschleppen, denn ringsum waren die Straßen verschneit, und der scharfe Nord drang schneidend durch die dünnen, zerrissenen Kleider der Ärmsten. Auch die Mutigsten von ihnen wollten jetzt nicht mehr weiter und nahmen mit Freudentränen die Aufforderung zum Bleiben ohne Zögern an. Fast jedes Haus in Rehefeld hatte unter seinem Dache einen der Fremdlinge, und selbst die Ärmsten der Bewohner teilten mit ihrem Gaste freudig die kärgliche Nahrung. Aber es bedurfte nicht vielem, um die Soldaten zufrieden zu sehen. Die Ruhe tat den von langem Marschieren im Schnee wundgewordenen Füßen wohl, und es widerfuhr ihnen schon ein großes Glück, wenn sie nach langen Qualen und Entbehrungen die starren Glieder auf weichem Lager und in wohltuender Wärme ausstrecken konnten.
Da brach, wenige Tage nach ihrem Eintreffen, unter den Angekommenen eine Krankheit aus, die sich rasch verbreitete und von der auch einige der Dorfbewohner ergriffen wurden.
Die Krankheitserscheinungen waren ernst. Man riet deshalb nicht lange, sondern schickte einen Wagen nach Leipzig hinein, um ärztliche Hilfe zu holen. Noch an demselben Abend kamen zwei Militärärzte an, die sofort mit der Untersuchung der Kranken begannen. Unermüdlich gingen sie von Haus zu Haus; überall begegneten ihnen die gleichen Krankheitserscheinungen. Nach kurzer Beratung erklärten die Ärzte dem sie begleitenden Ortsvorstand, daß die fiebernden Soldaten an Typhus erkrankt seien und nicht länger in den Häusern bleiben dürften, sondern daß für sie ein paar große Räume als Spital herzurichten seien. In seiner Bestürzung eilte der alte Mann auf den Freihof, wo er am ehesten Rat und Beistand zu finden hoffte.
Die Tiefenbachs waren noch wach. Sie beherbergten selbst drei Soldaten, die ebenfalls von der Krankheit befallen waren und in heftigem Fieber lagen.
Max ließ sofort seine Leute wecken und sandte sie im Dorfe herum, um einige der Entschlossensten herbeizuholen.
Nach Verlauf einer halben Stunde waren sieben oder acht Bauern versammelt. Die Ärzte, die die angebotene Unterkunft auf dem Freihofe angenommen hatten, beschrieben die Anforderungen, die an die Krankenzimmer gestellt werden müßten und gaben Unterweisungen für die Überführung der Kranken.
In kurzer Zeit einigten sich die Männer dahin, daß der große Tanzsaal des Gasthofes und das dicht daneben stehende Schulhaus für die Kranken eingerichtet werden sollten. Der Lehrer und seine Familie mußten während dieser Zeit bei einem Bauern Unterkunft bekommen. Sollten diese Räume nicht ausreichen, so würde man den Freiherrn um Aufnahme einiger Kranken im Schloß bitten.
Am andern Morgen, als die Sonne blutigrot am Himmel heraufzog, und ihre Strahlen die eisige Kälte noch fühlbarer machten, begann man damit, die zur Aufnahme der Kranken ausersehenen Räume herzurichten. Von allen Seiten brachten die Leute das im Hause Entbehrliche herangetragen; dieser die Bretter eines alten, wurmstichigen Bettes, die viele Jahre verstaubt und vergessen auf dem Dachboden gestanden hatten, jener einen Strohsack, der rasch mit weichem Haferstroh frisch gefüllt worden war. Ein Dritter gab zwei wollene Decken, wieder einer ein Deckbett, das noch warm war, da es in der verflossenen Nacht ihm selbst gedient hatte, und zwei Kissen dazu. Ein anderer erklärte, daß er und sein Weib unter Decken nicht frieren würden, und er gab alles, was sie an Betten besaßen. Die Hofbesitzer und die großen Häusler trugen fast jeder ein vollständiges Bett herbei, und vom Freihof kam ein zweispänniger hochaufgepackter Wagen, von dem man vier Bettstellen und ebensoviel Strohsäcke und Federbetten ablud. Keiner wollte zurückstehen von der Erfüllung des Liebeswerkes und wenn es der Ärmste war. Etwas hatte jeder, wars auch nur eine geringe Gabe.