Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das Buch mit der Beschreibung der Freiheitskämpfe des Griechenvolks im Altertum nachdrücklich zu und stellte es auf das Wandbrett, wo auch die andern Bände seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er noch einmal die gequetschte und mit nasser Leinwand umwickelte Pfote des am Ofen schlafenden Spitzes in die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht heiß fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß das Zimmer.
9. Kapitel.
Noch immer hielt die grimmige Kälte an, und der Schnee lag hoch aufgeweht auf der weiten Fläche. Ein Tag nach dem andern schlich trübe und grau dahin; kein freundlicher Sonnenstrahl schien auf die Erde herab. Die Leute kamen während des kurzen Tages kaum einmal aus ihren Häusern heraus. Das bißchen Arbeit, das in der Scheune verrichtet werden mußte, wurde am Vormittag getan. Im übrigen aber ließ man die sonst so arbeitsamen Hände ruhen, saß nebeneinander auf der geräumigen Bank, rund um den behagliche Wärme verbreitenden Ofen, und sah durch die leicht mit Eisblumen geschmückten Fensterscheiben hinaus in die winterliche Landschaft. Der Abend brachte endlich wieder eine Unterbrechung: man eilte in die Ställe und besorgte das Vieh. Dann aber saßen sie wieder beisammen und sprachen von der alten Ernte und von der neuen, vom Kriege und von Weihnachten, zählten zum hundertsten Male auf, wer im verflossenen Jahre im Dorfe und in der Umgebung, soweit man sie kannte, gestorben und wem ein kleines Kindlein beschert worden war. Zuletzt kamen sie bei der Politik an, die seit Menschendenken den Männern einen bequemen und ausgiebigen Gesprächsstoff geliefert hat.
Wenn nur der Kaiser seine neue Armee erst wieder aus Paris würde heranführen, dann mochte man Untertan aller Herren Länder sein, bloß kein Russe, denn denen würde er die Leiden seiner Soldaten schon vergelten. Übrigens würde nicht eher dauernder Friede im Lande herrschen, ehe nicht der Kaiser die Preußen wieder einmal empfindlich gestraft haben würde. In Berlin sollte es ja recht schön zugehen. Auf jedem Schneehaufen lägen erschlagene Offiziere und Bürger, und der König Friedrich Wilhelm hätte einen italienischen Zigeuner überredet, daß er den Kaiser vergiften solle.
Wie friedlich war’s dagegen doch in Dresden! Dort gab es kein Lärmen, aufhetzendes Gerede oder Fäusteballen. Und tat dies doch einmal einer, so verschwand er, wie es sich geziemte, ohne Geräusch und spurlos von der Bildfläche. Ja, in dem lieben, guten Dresden herrschte eben wie immer Ordnung! Die Minister waren so klug, sich Watte in die Ohren zu stopfen, wenn ihnen von geheimen Boten aus Berlin etwas zugeflüstert wurde, und der gute König ließ das im vergangenen Jahre vor Ankunft des Kaisers im Innern neu hergerichtete Schloß wieder sauber machen und zählte ungeduldig die Tage bis zu der vermeintlichen Wiederkunft des kaiserlichen Freundes. Also nach dieser Seite hin war im Lande der Ausblick erfreulich …
So erzählten sich die biedern Rehefelder Abend für Abend die haarsträubendsten Geschichten von den Dingen, die mit dem kommenden Lenze anheben sollten. Und wie es sich auf diesem abgelegenen Dörfchen zutrug, genau so geschah es allüberall unter den Untertanen des Königs, der die grüne Raute im Schilde führt. Die beginnenden Wehen der großen Zeit wurden allerwärts in den deutschen Landen verspürt, nur innerhalb der weißgrünen Grenzpfähle merkte man nichts von ihnen. Das am Himmel leise heraufkommende Morgenrot der deutschen Freiheit sahen sie nicht, erst mußte das ganze Firmament blutigrot leuchten, als Widerschein der urgewaltig auflodernden Flammen. Und dann war es zu spät.
Die Schneewolken hingen tief herab und machten die kurzen, lichtarmen Wintertage traurig und düster. Weit finsterer war es aber in den Köpfen vieler Menschen.
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Die Freihoferin saß, vor sich hinbrütend, auf ihrem gewohnten Platze am runden Tische, als es an der Tür klopfte, und gleich darauf Konrad ins Zimmer trat.
Frau von Tiefenbach fuhr aus ihren Gedanken auf und sah zerstreut auf den Ankommenden.