Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels hinter der Bodenwelle hatte sich in das Herz des noch immer auf Rettung hoffenden Max die grausame Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner Schwester nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte ihm das Blut zu Kopfe, daß die Schläfen zerspringen wollten. Er keuchte unter der Last, die sich auf seine Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den ausgepumpten Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er merkte mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur noch wenige Minuten laufen würde, um dann niederzustürzen. Auch Friesen konnte trotz der heftigsten Bemühungen nichts mehr aus dem Wallach herausholen. So sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender Geschwindigkeit nebeneinander dahin, wissend, daß das unglückliche Mädchen in kurzer Zeit am Wasser angekommen sein würde.

Da erklang mit einem Male hinter ihnen das Schnauben und Stampfen eines weit ausgreifenden Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell näher und immer näher und ließ keinen Zweifel mehr zu, daß ein Reiter den Hufen ihrer Rosse folgte. Doch der sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein bewegende Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen. Neuer Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei dem Erkennen der ihnen werdenden Hilfe, und mit Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre Tiere zum schärferem Laufen zu bringen.

Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter ihnen. Noch ein paar Sprünge seines Pferdes und die Tiere liefen einen Augenblick nebeneinander. Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus, die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von Erde und Steinen überschüttend, die unter den Hufen des flüchtigen Pferdes hochauf flogen. Eine kurze Weile konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann tauchte er hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch Elisabeth verschwunden war.

Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der schwindelnden Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum gewesen. Kaum daß sie sein Nahen vernommen, hatte er sie auch schon eingeholt, war prasselnd und dröhnend an ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden – wie ein Reiter aus dem Gefolge des wilden Jägers.

In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene mit ihnen auf gleicher Höhe ritt, hatten die Freunde ihn erkannt: es war Konrad Hartmann. Barhäuptig und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige Gestalt zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten fuchsigen Hengstes gehockt, den Kopf zu den Pferdeohren hinabgebeugt und die Augen starr darüber hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer Strähne des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger der rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst keine Hilfe, kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß es ein Menschenleben zu retten gelte, hatte der Hengst ausgegriffen und sie zurückgelassen.

Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch auf, ihre Tiere weiter anzutreiben. Sie waren schon froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen weitertrugen, der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden. Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte sich, ruhig zu bleiben, aber sein Herz klopfte hörbar und er keuchte schwer vor Anstrengung und Erregung. Noch ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und sie standen auf der Höhe.

Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in der Sonne glitzernde, hochgehende Bach vorüber und unmittelbar vor ihm sahen sie, wie Elisabeth, von Konrad gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu gehen. Ihre Pferde standen abseits.

In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen die nach Luft haschenden Tiere stehen und eilten die Lehne hinab. In wenigen Minuten hatten sie das Ufer erreicht.

Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten großen Stein, sich auf den Ellenbogen stützend und sah den beiden Männern mit schwachem Lächeln entgegen. Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen spielten zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen.

Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester, kniete nieder, schloß das Mädchen in tiefer Erregung in die Arme und blieb eine Weile mit ihr stumm Brust an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über.