Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die Menschenbrust zurück, und wenn es einen Schwachen und Kranken gibt, den der dunkle Winter hart niederdrückte, daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte und armselig flackerte, – mit den belebenden Sonnenstrahlen zieht auch wieder Hoffnung in sein Herz, und er fühlt, wie sich geheimnisvolle Kräfte in seinem Innern regen.

Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom Morgen bis zum Abend wurde rastlos gearbeitet. Draußen auf den Feldern zog der Pflug tiefe Furchen in die verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen.

Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden Tag der Erste und Letzte bei der Arbeit. Mit Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die sich um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht zog in ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er wollte nicht allein untätig sein, zumal die Rüstungen überall aufs neue begannen.

Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter den Bergen verborgenen Sonne über die dunkle Erde dahingleiten und die schlafende Natur wachküssen, so zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen in die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß auch für ihre Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen sei. Und sie machten sich auf, das Feld zu bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen, auf daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine stattliche Ernte beschieden sei. Das aus der Wolke niederströmende, die Saat des Landmanns befruchtende Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung und Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen der Frucht nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der blanken Waffen und das Blitzen der Feuerrohre sein. Auf deutschem Boden mußte der gewaltige, für alle Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das Rauschen der deutschen Eichenwälder sollte sich der kriegerische Lärm der Schlachten mischen, – bis die letzte Brust durchschossen, das letzte Schwert zerhauen war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung von schwerem Joch himmelwärts trügen.

Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, erkannte Friesen, daß der Zustand seiner Füße es ihm noch nicht erlaubte, seinen Dienst als Soldat wieder aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen noch immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. So mußte er denn seinen Plan wieder fallen lassen und die Gastfreundschaft des Freihofes weiter annehmen.

Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn dieser auf die ausgedehnten Felder hinausritt, weit öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft oder begleitete sie auf kurzen Spaziergängen.

Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem Tage nicht wieder bestiegen. Durch die Aufregung infolge des wilden Rittes hatte ihre schwache Gesundheit doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und dann nur ganz allmählich ins Freie gehen durfte. Es war ihr recht lieb, daß sie Friesen bei diesen Ausgängen zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht anders, als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten. Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende Gesellschaft zubringen müssen, so wäre Elisabeth, da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind umherzutollen, der leidende Zustand leicht zur drückenden Last geworden.

So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger Ergebung und Geduld. Kein Wort der Sehnsucht nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich bisher erfreut hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu gut, wie genau sie die Schwere der Krankheit erkannte.

Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, der sich zuweilen zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der Kreis ihrer Freunde Qualen erlitt. Dabei war sie immer gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur Mutter, der man es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt, war das Kind von rührender Zärtlichkeit.

Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit nicht. Zudem versah Maria von Tiefenbach noch im Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch immer waren einige kranke Soldaten im Dorfe.