Max hatte es in den letzten Wochen vermieden, das Schulhaus zu betreten. Seine Gegenwart daselbst war jetzt auch nicht mehr erforderlich wie in den ersten Tagen, als man die Krankenzimmer eingerichtet hatte. Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter, mit diesen Geschäften.
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Es war an einem der mittleren Apriltage.
Elisabeth war am Vormittag – seit langer Zeit zum ersten Mal – auf dem Schlosse gewesen, um noch einmal mit Maria von Tiefenbach zusammen zu sein, bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin sie plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende, schwer erkrankte Schwester ihres Vaters zu pflegen. Der Abschied war beiden Mädchen recht schwer gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden Hoffnung, sich in kurzer Zeit wiederzusehen.
Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen auf dem Hofe und schaute den drolligen Sprüngen junger Ziegenböcke zu. Das Gesicht des jungen Mädchens sah aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln betrachtete sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete.
Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett nicht mehr verlassen. Auch jetzt half Friesen dem erschöpften Mädchen die Zeit kürzen, indem er von seinen Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen, kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern heitern Inhalts vorlas. Die Freihoferin war Tag und Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete ganz allein die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen erscheinen, war aber die Aufmerksamkeit der Kranken von ihr abgelenkt, dann ruhte das mütterliche Auge mit unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In solchen Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen der Greisin verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt durch den Ausdruck eines gewaltigen Schmerzes gepaart mit überquellender Mutterliebe.
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Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige Jüngling Frühling durch die Gefilde, und wo sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum neuen Leben. Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf dem Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben dahin. Jetzt gab es keinen mehr, der noch gehofft, niemand, der nicht die Schatten gesehen hätte, die aus dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf dem Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen.
Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten, daß in dem Hause eine Seele weilte, die sich anschickte, das sterbliche Kleid, das sie in dieser Irdischkeit getragen, abzulegen und in die Ewigkeit zurückzukehren.
Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten Dienstleute waren schon seit langen Jahren auf dem Freihof. Sie hatten das zarte Kind aufwachsen sehen, hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder ein Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit an hatte Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung zu erfüllen, zwischen der schweigsamen Mutter, von der nichts als Kälte auszugehen schien, und dem Gesinde gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können. Er hatte zuviel von der Mutter, und wenn die Leute auch wußten, daß er ein warmes Herz für sie besaß, so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende Heftigkeit. Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden, sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb war sie für die Leute nicht eigentlich die Tochter der Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo es auch erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden Kopf mit den strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte man sie scherzen und trällern. In den Ställen kannte sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau und in den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das Mädchen die geheimnisvollsten Winkel. Niemand war davor sicher, von ihr nicht jeden Augenblick überrascht zu werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber bestand darin, mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der Tagelöhner einzukehren. Dort hockte sie besonders gern, spielte mit den Kindern, aß von deren Butterbroden und stob endlich davon, wenn die Mutter der Kleinen sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens gekommen sei.