Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr hinterdrein folgte, keinen mehr neckte, man ihr fröhliches Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken Zöpfe nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte sie jedem von ihnen, den Kleinen wie den Großen.

Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit. Nach jedem neuen Hustenanfall strich sie mit ihrer schmalen, abgezehrten Hand liebkosend über die der Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen Gesundwerden. Und doch wußte Elisabeth während sie diese Worte sprach, daß sie nie wieder durch die Räume des Freihofes huschen würde, und Friesen hatte die Ueberzeugung, daß das Mädchen nur um der Mutter willen von ihrer Genesung redete.

Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen. Elisabeth fühlte sich heute wohler. Das Gesicht des Kindes war in den letzten Wochen immer schmaler, die Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden. Und dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren bleich, nur die Stellen auf den stark hervortretenden Backenknochen blieben unaufhörlich fieberhaft gerötet.

Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren, um eine Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht zu schlichten. Seine Rückkehr sollte erst am Abend des nächsten Tages erfolgen.

Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft tat, Elisabeth vorlas. Das Mädchen saß in Decken gehüllt in einem großen Armstuhl, Friesen vor ihr. Mit träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das edel geschnittene Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang mußte sie weitabgeführt haben, denn schon längst hörte sie nicht mehr die gesprochenen Worte.

Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen auf, während Friesen im Lesen inne hielt. Gleich darauf trat der Postbote ins Zimmer und brachte einen Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug den großen Stempel seines Regiments. Mit leise zitternden Fingern löste er das Siegel und durchflog die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er den Blick sinken und schaute vor sich nieder. Wie er nach einer kurzen Weile die Augen wieder erhob, erschrak er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths Gesicht lag. Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle war der Ausdruck unsagbarer Angst getreten.

Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er erriet die Gedanken des Mädchens. Ihr feines Empfinden hatte sie ahnen lassen, was in dem Brief stand und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken. Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und Brausen in seinem Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl hoher Glückseligkeit, freilich vermischt mit tiefer Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter, glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem plötzlichen Drange folgend, sprang der junge Mann vom Stuhle auf, ließ sich vor dem Mädchen nieder und lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen Mund darauf, und dann perlte eine Träne auf sie nieder. Die andere Hand aber berührte den Scheitel des Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar und Wangen.

Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden hatten, um sich in wenigen Stunden wieder zu trennen.

Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme:

»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon, ach, so lange, aber ich wußte es nicht. Nun wir aber für immer von einander scheiden müssen, spricht die Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache. Ach, laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen: Bernhard, mein Bernhard, – – ich habe Dich lieb!«