Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung und schüttelte seinen Körper wie im Fieber.

Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth mit wonnetrunkenem Blick in die Augen und sprach:

»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele! Jetzt weiß ich es auch, was mich so unwiderstehlich an dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich wieder hierhergezogen, denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Kraft, Du süßes Mädchen!«

Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte von neuem seine Stirn an die ihn liebkosende Kranke. So leerten die beiden Menschen in reinem Genießen den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von einem Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit herüberdrang, bis zum Grund. In wenigen Stunden genossen sie das ganze Glück, das andern in der Spanne vieler Jahre beschieden ist.

Und so fand die eintretende Freihoferin die Liebenden – – –

***

Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte: Friesen hatte den Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar nach Empfang des Briefes sich nach Leipzig zu begeben und von dort mit einem Transport Reservemannschaften nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre war in so gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als sofort abzureisen. Hätte er Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre sein Eintreffen um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß daher, noch im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu verlassen.

Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die Liebenden im trautesten Alleinsein. Sie nannten sich wiederholentlich bei ihren Vornamen und waren entzückt von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten Mal von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander erlebt hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke aus, und ein leiser Händedruck verriet dem andern, was die Lippen auszusprechen scheu vermieden. Keine Überschwänglichkeit, kein heftiges Aufwallen der Gefühle. Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde Liebe, deren sie sich erst angesichts des Scheidens für immer bewußt geworden waren, war in demselben Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon geläutert gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen und eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie zwei alte Menschen, die auf ein reiches Leben von Sorgen und Glück nebeneinander zurückblicken und die nun ihren Lebensabend zusammen beschließen – ohne aufwallende Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen, jungen Liebe in der welken Brust, so saßen Friesen und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie zu groß, und ihre Blicke suchten schon das unbekannte Land, dessen Freuden gemeinsam zu genießen sie sich in der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin hinieden gefunden hatten.

Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen kniete zum letzten Mal vor dem Mädchen nieder, das sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf seinen Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann trat der junge Mann zurück. Langsam schritt er zur Tür, legte die Hand auf den Drücker und warf einen langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte hätten sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu dem Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, – und der Platz an der Tür war leer.

Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem Atem unverwandt auf die Stelle. Dann kehrte sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn es sie fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter und sprach mit versagender Stimme: