»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen gehen!«

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Als aber die goldene Sonne untergegangen war und die grauen Schatten der Abenddämmerung sich auf die Erde herabsenkten, da hielt es die Freihoferin im Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde der alten Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche Luft des Lenzabends.

Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen, dessen leuchtende Farben jetzt langsam wieder verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte die Natur. Die gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor. Einsam funkelte der Abendstern auf die Erde herab, und langsam begann der helle Schein, der über der Stelle stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen. Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell herüber, dann erstarb es, und tiefe Stille herrschte weit in der Runde.

Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden, in ihrer Brust tobte wilder Schmerz. Sie wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte. Mechanisch schritt sie auf der Straße weiter, vorüber an den friedlichen Wohnungen glücklicher Menschen.

Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich um und erkannte, daß sie sich vor dem Schulhaus befand. Und plötzlich überkam das Weib das heiße Verlangen, hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen Wehs der gewaltige Schmerz in der eigenen Brust.

Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich darauf in dem großen Krankenzimmer, dem eine in der Mitte hängende Lampe mattes Licht spendete. Erstaunt sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch. Die Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete der Freihoferin, daß fast alle ihrer Schützlinge auf dem Wege der Genesung seien. Zu Besorgnissen gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht erfolgen würde.

Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln Raum nebenan, in den man durch die offenstehende Tür vom großen Krankenzimmer aus gelangte. Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem Fieber Liegende den Kopf nach der Tür und richtete seine großen, dunkeln Augen auf sie.

Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett auf einen Stuhl nieder, währenddessen die Pflegerin wieder in das Zimmer zurückging.

Es war ein junger Bursche von zartem Körper, der infolge der Krankheit stark abgemagert war. Das bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf den Wangen umrahmte eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits die Spuren des beginnenden Verfalls, nur die Augen glänzten in unnatürlichem Feuer und kreisten unausgesetzt in ihren Höhlen.