Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und erwiderte:
»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die ich begangen, kann Gott mir nicht anrechnen. Aber sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr Kind sie – verriet?«
Die Greisin wurde um einen Schein bleicher. Behutsam strich sie eine schwarze Haarwelle von der heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem weichesten Tone:
»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein Sohn? Sagt, was euch bedrückt, vielleicht kann ich Euch trösten.«
Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit unsicherer Stimme:
»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen Patriziergeschlecht zu Geldern. Als sie zur Jungfrau erblüht war, warben viele vornehme Männer um sie. Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier. Das machte den Bruder unwillig und er verwies seiner Schwester ihre Neigung. Und als sie sagte, daß sie niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen würde, da packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte die Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter ein sanftes Mädchen, daß dem Bruder wohl verziehen hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber den tugendsamen Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in ihr heiße Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur, daß sie dies dem Frevler nie verzeihen würde. Ich wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein Vater blieb bei Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn entrissen die rauhen Kriegszeiten seinen ganzen Reichtum und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und eine einzige Tochter, die nun mit ihren feinen Händen, die nie Arbeit verrichtet hatten, für ihrer beiden Unterhalt sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen.
Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen Schicksal der Frauen. Dann aber überkam mich eine edle Leidenschaft zu Karoline, meiner Base, die ich nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und bat sie, den Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan, nicht den schuldlosen Frauen entgelten zu lassen.
Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die Anverwandten wie einen bösen Wurm in ihrem Innern immer mehr anwachsen lassen, und diese unselige Leidenschaft hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich. Aber ich konnte von dem Mädchen nicht lassen. Ich warf mich vor der Mutter nieder und flehte mit gerungenen Händen um ihren Segen. Da verwünschte mich meine Mutter und sagte, daß sie von stundab kein Kind mehr besäße. Und so verließ ich das traute, mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit dem Trost im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt zu haben.
Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach Jahresfrist ein das Zimmer mit himmlischem Glanze erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht hatte und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der grausame Tod durch die Tür und raubte uns die ihr Leiden gottergeben tragende Mutter meiner jungen Frau.
Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel auch durch das Rheinland; der Kaiser bedurfte vieler Soldaten, die nach Rußland hinein marschieren sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich arbeitete angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich fort von Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren. Ich war schwach und litt fürchterlich unter den ungewohnten Anstrengungen und Entbehrungen. Endlich kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich kaum noch folgen konnte und blieb wiederholt liegen. Aber der Gedanke an mein verlassenes Weib, an das unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe, und ich wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um nur wenige hundert Meilen von meinen Teuern entfernt zu sterben. O, das Schicksal ist unerbittlich grausam!«