Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht zufrieden. Noch einen letzten Anlauf nahm er zum Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und drohend entfuhr es den blutlosen Lippen:

»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter mit einer Lüge belasten? Ihr vergeßt, daß meine Mutter einen Schwur tat – – –«

Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab und sprach so leise, als wenn sie selbst ihre Worte nicht hören wolle:

»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch verzeihen!«

Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender Seufzer, und er sank wieder in die Kissen zurück. Seine Augen irrten nicht mehr unstät umher, sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet.

12. Kapitel.

Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt. Der Prozeß war noch nicht entschieden und drohte allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang für ihn zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte überzeugt und verstand nicht, wie die Richter daran zweifeln konnten, daß das saftige Stück Wiese dicht an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen werden müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine Verstimmung vergrößert, die selbst dann noch nicht ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß seines Freundes und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten.

Den Zustand der Schwester fand Max viel besser als er vor seiner Abreise gewesen war. Und seltsam, Elisabeth schien auch in der Tat nicht mehr so zu leiden, wie in den letzten Tagen. Der Husten war weniger heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen und versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu scherzen.

Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein schwerbeladener Wagen war auf eine weiche Stelle gekommen, wodurch das eine Hinterrad tief in den Boden eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der Peitsche auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule brachten trotz aller Anstrengung den Wagen nicht vorwärts. Mit zusammengezogenen Brauen stand Max abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im Verein mit zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil des Wagens aus der tiefen Radspur herauszuheben. Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs gar bald ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um eine Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf zurückhielt. Im nächsten Augenblick bückte sich der junge Freihofer unter den Wagen und stemmte auf der herabgesunkenen Seite die Schulter an; – ein Knirschen und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und dann stand das Rad wieder auf festem Boden. Ruhig, nur das Gesicht vor Anstrengung stark gerötet, trat der Freihofer zurück.

Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem gekaufte, junge Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht habe und auf den gerade mit einem Bund Heu in den Stall eintretenden Knecht losgerannt sei. Zum Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür hinter sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das Tier auf den Hof stürmen und Schaden anrichten konnte. Allerdings war nun der Mann auf diese Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten Halbdunkel des Stalles allein geblieben. Und da hatte er, weil der Stier ihn hart bedrängte, die Heugabel ergriffen und mit ihrem eisernen Ende den Zudringlichen ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese recht verständliche Mißbilligung seines Tuns hatte denn auch dem verdutzten vierbeinigen Sausewind eingeleuchtet, denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften Knecht ab und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt und gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit darauf Hermann den Stier besah, stellte sich heraus, daß zwei der langen Gabelzinken dem Tier tief in das Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen und Vorsorge getroffen hatte, daß die erhitzte Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern gekühlt wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem war dem Stier die Freßlust vergangen, denn er hatte heute noch kein Futter angerührt.