Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut auf den Knecht, der so ungeschickt gewesen sei, den Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht gelang, die drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten Wunden zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an der Verletzung zugrunde gehen.
Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück und meinte, der Mann wäre gut und es träfe ihn eigentlich keine Schuld, da der Stier die Kette zerrissen habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh vielleicht die Gabel in die Brust gestoßen, was noch schlimmer gewesen wäre.
Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter zu verstehen, daß er es angemessener fände, wenn er die Sache seines Herrn besser verträte, anstatt den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden.
Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig, der in bestem Bewußtsein, das Interesse seines Brotherrn jederzeit wie sein eigenes zu wahren, den Vorwurf für ungerecht fand.
Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß der Mann eine Frau und zwei kleine Kinder habe, und es ihm keiner verdenken könne, wenn er sein bedrohtes Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann, würde in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen Augenblicken danach zu fragen, ob das Tier dabei totgeschlagen werde.
Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. Aber er dämpfte seine Stimme, als er den Verwalter heftig anfuhr:
»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann! Wißt Ihr denn nicht, zu wem Ihr redet, oder habt Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen? Ich habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut habe, denn Ihr verdientet mein Vertrauen nicht.«
Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden Männer der Stalltür genähert und waren zuletzt auf den Hof getreten, wo gerade die ersten Geschirre vom Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren.
Hermann war bei den letzten Worten Maxens wie unter einem heftigen Schmerz zusammengezuckt. In seiner Brust schlummerten zwei Temperamente nebeneinander. Die ruhige Gemütsanlage besaß er von seinem Vater, dem getreuen Sohn, der mehr als ein halbes Jahrhundert im Dienst der Tiefenbachs gestandenen Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief drinnen aber in seinem Herzen glimmte wie ein winziger Funke wilde Heftigkeit. Diese Eigenschaft besaß er von seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der Etsch, mit den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit schlummernde Funke sollte jetzt zur hochaufschlagenden Flamme angefacht werden.
Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen. Kaum hatte er seine letzten Worte ausgesprochen, war Hermann mit einem Satz auf ihn zugesprungen, daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren geballt.