»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in Zweifel ziehen? Und wenn ich einen Ton anschlug, den Ihr für unangemessen fandet und den ich selbst noch nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit Euren verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu herausforderte. Ihr müßt nicht denken, daß ich wie ein Hund die Hand lecke, die nach mir schlägt!«
Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen Worte des Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört, aber in seinem Innern hatte er gebebt. Beinahe hätte ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit ungeheurer Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr zu bleiben.
Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige Berührung den Wütenden nicht noch mehr zu reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend, mit leise zitternder Stimme:
»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser Stelle aus den Hof und geht nach Hause. Morgen sprechen wir uns weiter.«
Und mit diesen Worten wandte sich Max um und gab einem der die Pferde ausspannenden Knechte die Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute Abend nach dem Rechten zu sehen.
Aber auf den noch immer in drohender Haltung Stehenden übte Maxens kühle Besonnenheit keine beruhigende Wirkung aus, vielmehr schürte die Ruhe des Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und machte ihn vor Wut sinnlos.
»Bauer! –« schrie Hermann mit überschnappender Stimme, »Ihr habt an meiner Ehrlichkeit gezweifelt. Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder es gibt ein Unglück – –!«
Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen Entschluß zu finden, stand er vor dem Wütenden.
Da zuckte Lehnhardts Faust, – in demselben Augenblick fuhr Max herum, riß dem nächsten Knecht die Peitsche aus der Hand, und noch bevor Hermann den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der Peitschenriemen um seinen Körper.
Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren Zorn aus geringfügiger Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit ebensoschnell wiedererhalten, wie sie ihnen verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft an innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen längere Zeit auf der unnatürlichen Höhe zu halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der Gluten wie der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung ihrer Stützen beraubt, – gleichviel; der emporgeloderte Zorn bricht sehr oft jäh in sich zusammen, und die weit über Maß in Anspruch genommen gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit einem Male wunderbar geschärft; kühle Ueberlegung stellt sich ein, und eine ausdrucksvolle Stimme im Innern hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene Schuld feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen die Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt habe. Zuweilen reißt der Niedersturz die geistige Spannkraft ebenso tief mit hinab, wie sie vorher emporgeschnellt war, und der Zornbebende, der mit funkelnden Augen und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer Willens- und Körperkraft erschien, bietet hinterher mit seinem gebrochenen Blick und der schlaffen Haltung ein klägliches Bild.