So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht. Als Max die Peitsche in der Faust hielt und zum Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt die Erkenntnis, unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre sein gutes Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen –, damit hatte ihm der Zorn, der ihn aller Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt. Mit der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann, noch bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte, auch den Entschluß gefaßt, den Freihofer nicht noch einmal zu reizen, sondern ruhig vom Hof zu gehen. Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten hatten. In dem Augenblick, in dem Lehnhardt sich zum Gehen wandte, traf ihn die Peitsche von neuem; ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten Schlage. Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem Zorn riß Max den Peitschenstock zurück, – da verlor Lehnhardt das Gleichgewicht und fiel heftig auf den gekrümmten linken Arm.
Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann am Boden liegen sah, warf die schon wieder erhobene Peitsche auf die Erde und ging in den Stall zurück.
Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf dem steinernen Pflaster vor dem Stalle liegen. Dann stand er mühsam auf, unterstützte mit der rechten Hand den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ, ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof.
***
Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend an diesen Vorfall die abendliche Runde durch den Hof gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit zu gewinnen, um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als den fehlenden Verwalter zu ersetzen.
Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später die Wohnstube, wo die Mutter schon an dem gedeckten Tisch saß und ihn zum Abendessen erwartete.
Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem Blick der Mutter zu begegnen, nahm er ihr gegenüber Platz.
»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre gern noch einmal zu ihr gekommen – –«
»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,« antwortete die Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie nicht.«
Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden empfand Lust zu sprechen.