»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr sagt, daß manchem mit dem Amt auch Feinde erstehen, ja sie sind bereits da, bevor das nicht selten dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür heißt leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem anstürmenden Schicksal auch feindlich gesinnte Mitmenschen, gegen die zu streiten bisweilen recht aufreibend ist. Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden, beschieden wurde. Er ist der Begünstigte, der, den das Schicksal liebt.«

»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie Ihr es schildert, ist der Lauf der Welt,« versetzte der Greis. »Aber es genügt nicht allein, an einer geschützten Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen. Wer der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt seinen schirmenden Unterstand. Er begibt sich in die Gefahr und kommt nicht selten darin um. Das weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene Sonnenstrahlen trafen, ist die große Lebenskunst, die nur wenige verstehen, und an deren Erfüllung täglich Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist einer jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng wurde. Sie begnügte sich mit dem Stückchen Boden, das das Schicksal ihr zugedacht hat. Das aber bebaute sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche Blumen um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen sind Eurer Schwester edle Tugenden und Eigenschaften, und die Menschen, die sich an dem Anblicke der Blumen ergötzen, sind Elisabeths Freunde.«

Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine Weile vor sich nieder und richtete dann seine durchdringenden Augen auf Max, der die eben entschwundene Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort:

»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein Besuch gelten, es verlangte mich auch, Euch selbst zu sprechen. Ihr werdet fühlen, was mich heute zu Euch führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz auch schon erwartet.«

Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises weggewendet und sah zum Fenster hinaus. Bei den letzten Worten Reinerz warf er den Gänsekiel, mit dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den Schreibtisch.

»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander geschieden sind ist es gut, daß ein gemeinsamer Freund zwischen sie tritt, um ihren Groll zu besänftigen und sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch, dieser gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.«

Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max hatte schon wiederholt den Versuch gemacht den Redenden zu unterbrechen, war aber durch die abwehrende Handbewegung des Greises daran gehindert worden. Jetzt fuhr es Max heraus:

»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht möglich, daß ich von Euerm freundlichen Anerbieten Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung zwischen einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer mich beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst einzuschlagen. Aber in diesem Fall wäre der Versuch Lehnhardts, meine Verzeihung zu erhalten, verfrüht. Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir käme, abweisen. Er hat zu schwer gefehlt. Und nun würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas anderem sprechen wolltet.«

Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber noch lange nicht genug gesprochen worden sei, deshalb begann er wieder:

»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und aberhundert Jahren schon war. Wenn zwischen zweien ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten einer von beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der Aufgabe unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite sich in diesem Fall das Recht neigt. Denn ich bin nicht gekommen, den Richter zwischen Euch und dem Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.«