»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner Ehrlichkeit,« versetzte der Greis ruhig. »Hermann Lehnhardt ist ein schwerblütiger Bauer, den manches gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen kann er auch heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung vollständig verläßt. Ihr wißt, der gute Ruf ist ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung, gottlob, mit Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der Unredlichkeit verdächtigt – –«
»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max den Sprecher mit Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld mehr, Euch länger zuzuhören.«
»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber nur das Unrecht, das Ihr begangen habt,« antwortete erregt der Greis.
»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,« entgegnete der Freihofer herrisch.
Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber und tauchten ihre Blicke ineinander. Eine dumpfe Ahnung raunte jedem von Ihnen zu, daß die Erinnerung an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit aller Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte keiner von beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie sich wie heute Auge in Auge gegenüberstehen und dieses Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden Schmerz mit sich gebracht haben würde.
13. Kapitel.
Es war am späten Nachmittag, als vom untern Eingang her auf schaumbedecktem Pferde ein Reiter die Dorfgasse hinaufsprengte, ein junger Bursche von etwa achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt hinter sich haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte der Reiter die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war wie ausgestorben, da alles draußen auf den Feldern zu tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den Häusern zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden Hufschlag aufgescheucht und sprangen an die Fenster, um nach dem vorbeistürmenden Reiter zu sehen.
Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen war, sah er drüben von der Anhöhe einen Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen. Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme hinüber:
»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?«
»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, »dort oben, wo Ihr die beiden großen, mit Ziegeln bedeckten Scheunen seht.«