»Bube!« keuchte er in einem fort und stieß Heinrich im Zimmer vor sich her. »Bube! …« Heinrich rannte gegen den schweren Tisch, daß er von seinem Platze sprang. Im nächsten Augenblick drückte Mißbach den sich Sträubenden rücklings auf den Tisch nieder. Heinrich sah das Gesicht des Vaters dicht über sich gebeugt. Es war blaurot. Die Augen funkelten, und der Schaum stand dem Rasenden vor dem Munde. Nur nicht die Besonnenheit verlieren! durchfuhr es wie ein Blitz Heinrichs Hirn, nur jetzt ruhig bleiben. Der Vater war ein Riese, das wußte er. Wenn er jetzt aber aufsprang, zerriß er ihn!

»Kanaille!« knirschte Mißbach sinnlos vor Wut und riß mit der freien Hand den Säbel aus der Scheide – – –

In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames.

Der langgezogene Ton eines Hornes hallte vom Kasernenhof halb verklungen herauf, den Arm des Rasenden lähmend. In der nächsten Sekunde flogen dröhnend Türen auf, und die polternden Schritte und das laute Durcheinanderrufen der an die Korridorfenster eilenden Soldaten wurden hörbar.

Noch einmal tönte der einsame Hornruf: Das Ganze sammeln! Da fiel ein zweiter, ein dritter, ein vierter ein. Jetzt hatte auch der Signalist aus der nebenliegenden Mannschaftsstube das Horn an die Lippen gesetzt und erwiderte pflichtgemäß das Alarmsignal, das nunmehr in allen Kompagnierevieren nachgeblasen wurde.

Zu gleicher Zeit begannen die Trommeln dumpf zu rasseln. Der Tambour der Kompagnie lief auf dem Korridor auf und ab und schlug unaufhörlich den Wirbel. Die Trommeln anderer Kompagnien klangen darein – Generalmarsch!

Feldwebel Mißbach hatte wie versteinert in den plötzlichen Lärm hineingehorcht. Jetzt ließ er von Heinrich ab und stieß den Säbel wieder in die Scheide. Seine Besinnung war zurückgekehrt; die Pflicht rief! Schnell raffte er das vom Tisch gefallene Notizbuch auf, warf den gerollten Mantel über den Kopf, ergriff den Tschako und stürzte aus der Stube.

Nun richtete sich Heinrich auf. Sein Haar war verwirrt, sein Gesicht bleich. Der Hals war gerötet, wo die Faust seines Vaters gelegen hatte. Langsam griff er nach der beim Ringen vom Kopfe gefallenen Mütze und setzte sie auf. Draußen schallte brausender Lärm: auf den Rücken fliegende Tornister, erregtes Durcheinanderrufen, aus den Stützen gerissene Gewehre und die dröhnenden Schritte der Davoneilenden.

Da fiel Heinrichs Blick auf das wie tot am Boden liegende Linchen. Er trat zu ihr, nahm die Ohnmächtige in die Arme und legte sie auf das Sofa. Dann eilte auch er hinaus.

Auf dem Kasernenhof hatten sich inzwischen die Kompagnien gesammelt. Zwar glichen sie noch aufgestörten Ameisenhaufen, und von allen Seiten liefen noch Soldaten herbei. Aber die energisch dazwischen tretenden Kompagniekommandanten brachten bald Ordnung in das Durcheinander. Kommandorufe fuhren in den Lärm, und die einzelnen Züge der Kompagnien richteten sich.