Da ertönten die Kommandos. Die Kompagnien nahmen über, schwenkten ein und traten an.

Als sich das Bataillon mit dem Regimentsstab an der Spitze dem Hauptportal näherte, riß Heinrich mit den beiden andern Unteroffizieren vom Kasernendienst die großen Torflügel auf. Im gleichen Augenblick zuckte der Stab des Bataillonstambours nieder, und der Tambourzug schlug ein. Betäubend hallten die Wirbel von den Mauern der hohen Torhalle zurück.

Vor dem Kasernentor stand eine gedrängte Menge, deren Vorderste beim Nahen der voranmarschierenden Spitze von zehn Unteroffizieren beiseite flogen.

Eine Stunde darauf rückten auch die beiden andern Bataillone ab.

Jetzt rief der als Kasernenkommandant zurückgebliebene Hauptmann Zimmermann die diensthabenden drei Unteroffiziere zu sich und verteilte sie auf die verschlossenen Tore. Heinrich erhielt die Aufsicht über das Hauptportal und mußte sich in der von der Mannschaft verlassenen Wachtstube am Fenster nach der Hauptstraße aufstellen.

Die Allee war menschenleer; alles war aus Neugierde mit dem Regiment fortmarschiert.

Heinrich lehnte die brennende Stirn an die Fensterscheibe. Sein Kopf schmerzte zum Zerspringen. Wenn er an den Auftritt mit seinem Vater zurückdachte, stieg ihm die Schamröte ins Gesicht. Jetzt galt ihm sein Leben nichts mehr! Diese Schmach konnte er nie vergessen! Warum mußte der Signalist auch gerade in dem Augenblick Alarm blasen, wo er den Säbel funkeln sah! Eine Sekunde später, und es wäre alles vorbei gewesen. Aber er konnte nicht lügen! Wer es auch sei, der ihn fragte, er würde antworten, daß er es mit dem Volke hielt!

Heinrich verfiel in dumpfes Grübeln. Er dachte an seine freudlose Jugend, an seine verstorbene, liebevolle Mutter, an Linchen, die sich aufzehrte vor Leid, und an die zahllosen Zornausbrüche des Vaters und seine grausamen Bestrafungen, mit denen er im Herzen seines Sohnes alle kindliche Liebe schon frühzeitig getötet. Hatten die Kinder nur ein einziges Mal eine weiche Regung bei ihm entdeckt? Nein! Nie! Dienst und Pflicht und Schuldigkeit, – wie hallten diese Worte jetzt in seinem Ohre wider.

Wenn ihn das Schicksal doch auf einen anderen Lebensweg gestellt hätte! Mit welcher Freudigkeit würde er alles getan haben, was man ihm auferlegte. Nur Soldat durfte er nicht werden! Diesen Beruf hatte ihm sein Vater schon in früher Jugend verleidet. Wie ihn die Luft der Kaserne doch fast zum Ersticken brachte! – Und von den Lippen des jungen Korporals kam ein gepreßter Schrei ohnmächtiger Wut.