Er wandte sich vom Fenster ab, und seine Augen glitten durch die leere Wachtstube. Die Pritschen waren in die Höhe geschlagen und die Bänke davor ausgerichtet. Wenn er bloß wüßte, wie es der Madam ging! Und gleichzeitig gedachte Heinrich der zahllosen Wohltaten, die ihm die Gute erwiesen. Das liebe Haus auf der Brüdergasse stand vor seinen Augen, und er sah die heimlichen Winkel, in denen er mit Valentine so oft Versteck gespielt, und die dämmerigen Kanzleistuben mit den hohen Aktengestellen an der Wand und den alten, mit zahllosen Tintenflecken bedeckten Schreibtischen.
Heinrich fühlte, wie er weich wurde; seine Augen gingen ihm über. Dort hätte ihn der Vater lassen müssen, da wäre ein zufriedener und rechtschaffener Mensch aus ihm geworden!
Wenn er wenigstens hätte mit ausziehen und kämpfen dürfen! Vielleicht würde eine Kugel Mitleid mit ihm haben!
Doch nein, es war gut so. Nicht gegen die fechten, deren Sache er innerlich unterstützte. Denn die Männer, zu deren Bekämpfung die Soldaten ausgezogen, waren trotz allem doch im Recht! Darauf konnte er blind schwören! Hätte sich andernfalls ein solcher Ehrenmann wie Advokat Marschall mit an ihre Spitze gestellt? Deshalb war es gut so, daß er dazu bestimmt worden war, hier zu bleiben, anstatt zu kämpfen. – Aber, halt – – kämpfen?
Heinrich klammerte sich am Fensterbrett fest. Ein jäher Gedanke war in ihm erwacht, fürchterlich und doch berauschend schön – – – Noch einmal: kämpfen? – – Ja, – kämpfen! Aber nicht gegen sie, – nein, mit ihnen!
Das Blut jagte durch seine Adern, und die Gegenstände in der Wachtstube tanzten vor seinen Augen. Wie, wenn er jetzt heimlich aus der Kaserne entwich? Ein Stockwerk höher lagen die von ihren Inhabern verlassenen Leutnantsstuben. Dort würde er Zivilkleidung finden!
Wenn er nach Altstadt flüchtete und sich der Bürgerpartei anschlösse und sagte: Hier bin ich, ich will an Eurer Seite fechten – –
Du brichst den Eid! flüsterte ihm eine Stimme zu. Du begehst Fahnenflucht! Du verläßt deinen Posten vor dem Feinde!
Der junge Mann schlug mit der Faust auf den Fensterstock, daß die Scheiben klirrten und seine Knöchel bluteten.