Die Züge der Barrikadenmänner hellten sich auf, als sie das hörten. Solche athletische Burschen wie diesen konnten sie noch viele brauchen.
»Geh auf den Altmarkt,« entgegnete einer, »dort ist andauernd Appell. Da kannst du dich melden.«
Damit ließen sie ihn vorbei. Bald hatte Heinrich den Elbberg erreicht. Hier bemerkte er am Brühlschen Garten wieder eine Barrikade.
Den Platz vor der Synagoge bedeckte eine aufgeregte Menschenmenge. Auf dem Moritzmonument stand ein Mann, der die Zuhörenden zum Kampf anfeuerte. Aus seinen Reden erfuhr Heinrich, daß der Aufstand seine ersten Opfer schon gefordert hatte. Als das Volk versucht, in das Zeughaus einzudringen, hätten die Soldaten geschossen. Vier Tote seien auf dem Platz geblieben. »Männer,« rief der Sprecher, »es ist Bürgerblut geflossen! Mag nun dies Blut über die kommen, die es verschuldet, die frevelhaft die göttlichen Rechte des Volks mit Füßen getreten haben!«
Die Menge schrie Beifall und setzte sich stadtwärts in Bewegung. Auch Heinrich wurde mitgerissen. Vor den Haupttoren des Zeughauses staute der Strom. Hier stand bereits Kopf an Kopf eine unübersehbare Anzahl von Menschen. Aus den geöffneten Fenstern des gegenüberliegenden Kuffenhauses sahen bewaffnete Turner heraus, die Gewehre im Anschlag.
Da kam durch die Rampische Gasse ein hoher Leiterwagen, gezogen von Männern in grauen Hüten mit roten Federn. Auf dem Wagen lag ein alter Mann mit entblößter Wunde, – einer der vier Gefallenen. Man hatte ihn vor dem Königlichen Schloß zur Schau gestellt und währenddessen die Fenster über dem Georgentor mit kurzen Knüppeln eingeworfen. Jetzt wurde er unter großem Tumult nach dem Klinikum auf dem Zeughausplatz gebracht.
Als der Tote vom Wagen gehoben wurde, brach die Menge in ein Wutgeheul aus. Heinrich sah, wie eine große Anzahl der Umstehenden plötzlich nach Deichsel und Rädern griff und den Wagen im Sturmschritt gegen das mittlere Haupttor des Zeughauses rollte. In demselben Augenblick, in dem die Torflügel durch die Wucht des Anpralls dröhnend aufsprangen, krachte aus dem Innern ein Kartätschenschuß in den nachdrängenden, dichten Haufen hinein.
Im Nu war das Geheul verstummt; nur ein paar Wehlaute gellten. Und als sich der Rauch verzogen hatte, war das Pflaster mit etwa zwanzig Gefallenen bedeckt. Die meisten lagen regungslos. Einige wälzten sich unter heftigen Zuckungen herum und wimmerten leise. Heinrich fühlte einen heftigen Schlag am Kopf, daß er taumelte und in die Knie sank.
Eine kurze Weile mochte er so gelegen haben. Da weckte ihn das stärker als vorher abbrechende Wutgeschrei der Menge, die jetzt das Straßenpflaster aufriß und einen Hagel von Steinen gegen das Zeughaus richtete. Gleichzeitig krachten aus den Fenstern des Kuffenhauses in rasender Geschwindigkeit die Gewehre der Turner. Der Tumult war unbeschreiblich.