Als sie auf den Zeughausplatz traten, war es neun Uhr vorbei. Aus der Richtung des Königlichen Schlosses drang das Knattern von Gewehrfeuer herüber. Der Platz war mit einem lärmenden Menschenhaufen bedeckt, aus dessen Mitte unaufhörlich wilde Drohungen und Flüche schallten. Das Zeughaus lag wie ausgestorben. Seine Tore waren geschlossen. Der Wandputz war durch die vielen Gewehrschüsse stark beschädigt, und die eingeschossenen Fenster hatte die Besatzung mit Bohlen und großen Kisten verrammelt.
Der alte Mann führte Heinrich durch die kleine und große Schießgasse, die beide mit starkbesetzten Barrikaden versperrt waren, bis zu seiner Wohnung am oberen Ende der Moritzstraße, dicht neben dem Gewandhaus. Auf dem kleinen, mit Messing eingefaßten Porzellanschild an der Tür stand der Name Dietze. Heinrich war verwundert, als er die gut bürgerlich eingerichteten Stuben sah.
Herr Dietze setzte schnell ein einfaches Frühstück auf den Tisch. Während sie aßen erfuhr Heinrich, daß sein Gastgeber lange Jahre einen Kaufmannsladen bewirtschaftet hatte. Als im vorigen Jahr seine Frau gestorben war, hatte er das Geschäft verkauft und ein zurückgezogenes Leben geführt. Durch den Ausbruch des Aufstands war er aus seiner Ruhe aufgejagt worden. Rasch hatte er seine Hausmagd entlohnt und die Wohnung verschlossen. Dann war er auf die Gasse geeilt, um sich den Turnern anzuschließen. Kaum hatte er aber den Zeughausplatz erreicht, als er auch schon zu Boden gerissen wurde und unter die Füße der Drängenden geriet.
»Das ist sicherlich eine Vorbedeutung,« schloß der alte Mann. »Aber mag kommen, was will, ich habe vorgesorgt. Sehen Sie, junger Freund, ich besitze ein gemütliches Heim und einige Tausend Taler erspartes Geld. Ich könnte meine alten Tage hinbringen, ohne Not zu leiden. Aber ich mag hier nicht ruhig sitzen, während draußen um die Freiheit gekämpft wird. Was tut es auch, ob ich ein paar Jahre früher oder später sterbe. Ich habe weder Kind noch Kegel. Niemand wird Kummer haben, wenn mir etwas zustößt. Vor ein paar Tagen bin ich auf dem Bezirksamt gewesen und habe mein kleines Vermögen bei Heller und Pfennig den Kindern vermacht, deren Väter im Kampfe fallen werden. Alles hab' ich bedacht. Ich bin immer für Ordnung gewesen.«
Diese Rede machte auf Heinrich einen tiefen Eindruck. Während des Essens hatte er wiederholt an die kranke Frau Marschall gedacht, und er war entschlossen gewesen, alsbald nach der Brüdergasse zu gehen. Jetzt wagte er nicht, dies zu tun. Der alte Mann hätte ihm nicht geglaubt und ihn für feig gehalten.
Nun führte Herr Dietze Heinrich in die Schlafkammer, wo er aus dem Kleiderschrank zwei Gewehre hervorzog.
»Hier,« sagte er, indem er Heinrich eins gab, »das soll Ihre Waffe sein. Ich schenke sie Ihnen.«
Heinrich war überrascht. Das Gewehr war ein nagelneuer Hinterlader. Er öffnete das Schloß und zog die Kammer zurück, um den Mechanismus zu prüfen. Die Militärgewehre waren älteren Systems, und ihre Treffsicherheit konnte mit der Wirkung dieser Gewehre längst nicht wetteifern.
Herrn Dietze war die Überraschung Heinrichs nicht entgangen.