Diese ruhigen Worte machten Eindruck. Professor Richter war den Offizieren hinlänglich als besonnener Mann bekannt. Zudem wußten sie um den ehrenvollen Ruf, den er als Leiter der chirurgischen Klinik genoß. Eine kurze Weile schwankte der Major, dann hatte er sich entschieden. Wenn die Barrikadenbesatzung abzog, blieb unnützes Blutvergießen erspart. Denn der Sturm durch die lange und schmale Gasse würde viele Opfer kosten.
»Versuchen Sie es immerhin, Herr Professor,« versetzte der Major. »Ich werde mit dem Vorrücken noch zehn Minuten warten.«
Heinrich hatte mit verhaltenem Atem dieser laut geführten Unterhaltung zugehört. Jetzt trat er hinter der Barrikade vor und rannte Professor Richter nach, der die Rampische Gasse hinablief. Als er ihn erreicht hatte, sagte dieser zu ihm:
»Suchen Sie den Advokaten Marschall, Heinrich. Er soll morgen in aller Frühe, wenn es noch ruhig ist, seine Frau, sorgfältig in Betten verpackt, nach dem Trompeterschlößchen fahren lassen. In der Brüdergasse ist sie nicht mehr sicher, man hat dort was vor. Ich würde im Laufe des Vormittags nach ihr sehen.«
Diese Worte versetzten Heinrich in große Bestürzung, und stotternd fragte er nach dem Befinden der Kranken. Aber Professor Richter wehrte mit der Hand ab und eilte zu der Barrikade hin, über deren oberen Rand die im Anschlag liegenden Verteidiger hinwegsahen. Heinrich blieb während des Laufens immer an der Seite des Professors.
Endlich hatten sie die Barrikade erreicht.
»Wer ist hier der Kommandant? Ich will ihn sprechen!« rief Professor Richter keuchend.
Da stieg hinter der Brüstung ein hochgewachsener, hagerer Mann langsam herauf, der einen eng zugeknöpften, schwarzen Schößenrock trug. Sein Gesicht war bleich und eingefallen und wurde von einem langen, kohlschwarzen Bart eingerahmt. Die tiefliegenden Augen glühten in politischem und religiösem Fanatismus. Der Mann war ein Pastor. Als die schrillen Töne der Sturmglocken über das sächsische Land schallten, hatte er Kanzelrock und Barett an den Nagel gehangen und war zum Kampf nach der Hauptstadt geeilt.