Wie die leibhaftigen Teufel fahren wir in ihre Artillerie und bringen die Kanonen zum Schweigen. Aber weiter! Eine Kirchhofsmauer hemmt unsern Lauf. Helft mir hinauf, schrei' ich. Da heben mich schon starke Arme hoch. Ich trete auf die Mauerkrone, – krach! fährt vor mir ein Schrapnell in den Boden und wirft eine Wolke von Erde und Steinen auf mich. Ich falle rückwärts von der Mauer hinab, die Augen voll Sand. Man stellt mich von neuem hinauf, und ich springe hinunter. Andere folgen mir. Zwischen den Stätten der Dahingeschiedenen hebt nun eine grausige Schlächterei an.

Da sehe ich, nicht weit entfernt, einen baumlangen Franzosen, der auf einer Stange einen flügelspreizenden Adler aus glänzendem Erz trägt. Das Blut steigt mir ins Hirn! Ich breche quer durch die Kämpfenden, bis ich vor dem Goliath stehe. Her damit! schrei' ich ihn an und will ihm den Stock aus den Händen reißen. Er lohnt mir's mit einem Fußtritt. Da hau' ich ihm die Flinte über den Schädel, daß der Kolben zersplittert, – und mit ihm seine Stirn. Der Riese stürzt wie ein Sack nieder; ich habe die Stange mit dem Vogel! Jetzt fallen mich die Rothosen an wie Wölfe. Blind vor Wut faß' ich mein Gewehr an der Mündung und schwing' es im Kreise um mich herum.

Da bekam manch einer eine arge Kopfnuß! Aber ich hatte die Trophäe und hätte sie für's ewige Leben nicht wieder hergegeben!«

Feldwebel Mißbach hatte sich warm geredet. Jetzt schlug er mit der Hand auf die Tischkante, beugte sich über das Bierglas und sagte eindringlich:

»Kinder! Vierzig Kanonen haben wir an diesem Tage genommen, aber nur einen einzigen Adler. Und das war der meinige!«

Heinrich hatte anfänglich nur mit Widerstreben der Erzählung zugehört. Allmählich hatte ihn jedoch die packende Schilderung mit fortgerissen. Jedesmal, wenn der Vater mit seiner anschaulichen Lebhaftigkeit diese Szene erzählte, wurde Heinrich warm. Wahrlich, ihn trennte innerlich eine Kluft von seinem Vater. Aber zuweilen empfand er fast widerwillig eine stumme Hochachtung vor ihm.

»Als nach dem Feldzug die Eisernen Kreuze verteilt wurden,« fuhr Feldwebel Mißbach fort, »erhielt ich eines der ersten. Und wie wir aus Frankreich zurückgekehrt waren, da hatte ich mich des Pflugs und des Dreschflegels entwöhnt. Nachdem die Freiwilligen ihren Abschied erhalten hatten, bot ich unserm jetzigen Regiment meine Dienste an. Man stellte mich jungen Dachs mit der hohen Auszeichnung, die in Sachsen nur noch wenige trugen, mit Freuden ein. Heute jährt sich der Tag von Leipzig zum fünfunddreißigsten Male!«

Mißbach legte das Messer beiseite. Das war für Linchen das gewohnte Zeichen. Sie lief zum Pfeifenbrett, wo sie stets einen frisch gestopften Kopf bereit hielt, und brachte die lange Pfeife. Dann schlug sie einen Funken vom Stahl, fing ihn mit dem Zunder auf und hielt diesen an den Tabak, worauf Mißbach unter großem Behagen mit mächtigen Zügen den Rauch vor sich hinpaffte.

»Was ich noch sagen wollte,« hob er wieder an und lehnte sich dabei zurück: »Kinder, ihr wißt, daß wir jetzt in einer ganz verteufelten Zeit leben. Die Welt dreht sich nicht mehr friedlich rundum wie bisher. Man möchte sie aus den Angeln heben. Vor ein paar Monaten wurde in Berlin so ein bißchen Revolution gespielt. Gott sei Dank mißglückte der Versuch. Andere Städte hatten Geschmack daran gefunden und folgten. Hierzulande ist man friedlicher gesinnt. Aber allerlei dunkle Ehrenmänner blasen insgeheim in die Funken unter der Asche. Und so leid mir's tut, wenn ich's aussprechen muß: der Herr Advokat Marschall …«

»Vater!« rief das Mädchen mit angsterfüllten Augen und zitternden Lippen. Aber schon erschrak sie ob ihrer Kühnheit.