»Ja, Linchen, ich muß es aussprechen,« fuhr Mißbach mit ungewohnter Duldsamkeit fort, »unser Herr Advokat gehört auch zu den Friedensstörern. Ich weiß ja, daß ihr sagen möchtet, er hat uns viel Gutes erwiesen. Niemand kann's leugnen. Aber – die Pflicht vor allem! Bis zu meiner Sterbestunde soll's ihm unvergessen sein, wie er an eurer Mutter und an mir und an euch gehandelt hat. Und die Madam nicht weniger. Alles das darf uns aber nicht hindern, den richtigen Weg zu gehen.«

Mißbach schwieg. Die Geschwister tauschten rasch einen verstohlenen Blick aus.

»Der Herr Advokat ist von der Oppositionspartei, wie sie die Leute nennen. Viele hohe Herren gehören ihr an, das ist unbestritten. Sogar Minister sind dabei und – wie gesagt – selbst Offiziere. Das mag jeder für sich verantworten, wenn's von ihm gefordert wird. Ich will jedenfalls meine Hände rein halten. Und ihr habt zu handeln wie euer Vater. Deshalb verlange ich von euch, daß ihr das Haus des Herrn Advokaten so lange meidet, bis er nicht mehr in dem Ruf steht, gegen die alte Ordnung zu räsonnieren. Heinrich, du verstehst mich,« schloß Mißbach mit einem strengen Blick auf seinen Sohn. »Und du, Linchen, gibst die Nähtage bei der Madam vorderhand auf!«

Das stille Mädchen mit dem Duldergesicht saß mit niedergeschlagenen Augen regungslos. Aber in ihrer Brust stieg – wohl zum erstenmal in ihrem Leben – ein Sturm herauf, und die bleichen Wangen färbten sich dunkelrot.

»Vater,« versetzte sie mit mühevoller Zurückhaltung, »nur ein paar Wochen laß mich noch hingehen.«

Mißbach blies gleichmütig den grauen Rauch in die Luft.

»Unmöglich, Linchen.«

»Valentinens Wäscheausstattung soll fertiggestellt werden.«

»Warum nicht? Dafür findet sich jeden Tag eine Näherin.«

Das Mädchen zitterte vor Aufregung. Der Widerstand, den sie geleistet, brach schon zusammen. Ihre Kraft war nur stark im Dulden, nicht im Kämpfen. Sie krampfte unter dem Tisch die Hände ineinander und stieß in flehentlichem Ton aus: