»Die provisorische Regierung läßt Ihnen den gemessenen Befehl zugehen, Herr Kommandant, Ihre Barrikade um jeden Preis zu behaupten. Stadt Gotha bilde den Schlüssel für unsere ganze Stellung. Sie könnten so viel Scharfschützen und Munition fordern, wie Sie wollten. Von der unbegrenzten Hingabe der auf Ihrer Barrikade Kämpfenden hinge unser aller Schicksal ab, denn die Schloßgasse bildet das Einfallstor in unsere Stellung.«

Mit diesen Worten stieg der Bote die Leiter wieder hinunter.

Der Kommandant blieb eine Sekunde lang wie betäubt stehen. Dann richtete er sich ruckartig auf und wandte sich zu seinen Leuten, deren Gewehre unaufhörlich die blutige Arbeit verrichteten. Mit einer ungestümen Bewegung riß er die auf der Mitte der Barrikade aufgepflanzte schwarzrotgoldene Fahne in die Höhe, stieg mit jugendlicher Behendigkeit auf einen umgestürzten Patroneneimer und schrie mit der ganzen Kraft seiner Stimme in den Höllenlärm hinein:

»Brüder! Ihr kämpft auf dem bedeutungsvollsten Punkte der ganzen Stellung. Die Geschichte wird die Namen derer, die hier gefochten, einst mit Ehrfurcht nennen! Die Blicke aller Mitkämpfenden sind voll Bewunderung auf uns gerichtet. Die provisorische Regierung erwartet von euch, daß jeder sein Herzblut daran setzt, diesen Ehrenplatz nicht in die Hände des Feindes fallen zu lassen. Die große Stunde der Entscheidung ist gekommen! Es lebe die Einheit und Freiheit Deutschlands! Es lebe die deutsche Reichsverfassung!«

So stand der Mann in grauem Haar mit dem feurigen Mut eines Jünglings, des Eisenhagels spottend, hoch über seinen Leuten, die wallende Fahne der Freiheit in der Faust. Und das hundertstimmige Jauchzen der von seiner Begeisterung Hingerissenen vereinte sich mit dem scharfen Pfeifen der Kugeln und dem stärker anschwellenden Rollen des Gewehrfeuers zu einer schauerlichen Musik, deren rasende Weise wie ein entfesselter Orkan gegen die Mauern der Häuser fuhr und – zurückgeworfen – den Kampfeslärm ins Ungemessene steigerte.

Noch war der begeisterte Jubel nicht verhallt, als der Mann auf der Tonne plötzlich wankte und dann schwer auf die Plattform der Barrikade niederfiel. Das dreifarbige Panier sank mit ihm nieder, seinen Körper bedeckend.

Erschrocken eilten die Nächstliegenden hin und richteten ihn auf. Mitten in der Stirn hatte er ein kreisrundes Loch, aus dem einige Tropfen hellroten Bluts sickerten. Friedlich, als wenn er schlummere, lag er vor ihnen. Seine Züge trugen noch das Lächeln der Begeisterung, aus der er so plötzlich abberufen worden war.

Die Männer tasteten nach seinem Herzen, – alles umsonst! Erschüttert hoben sie den entseelten Körper auf und trugen ihn behutsam hinab. Auf der Barrikade aber tobte der Kampfeslärm unvermindert fort, und ein anderer stellte sich auf den frei gewordenen Platz. –

Heinrich hatte diesen Vorgang aus unmittelbarer Nähe beobachtet. Sein Herz krampfte sich zusammen, als er den Mann zu Tode getroffen liegen sah. Das war der Krieg in seiner ganzen Entsetzlichkeit – der Bürgerkrieg! Und er dachte daran, was für eine schwere Schuld die Regierenden traf. Denn sie nur allein – das stand bei Heinrich außer Zweifel – hatten den Aufstand herbeigeführt.

Da fühlte er mit einem Mal eine große Abspannung. Und er erinnerte sich, daß er nichts wieder gegessen, seitdem er mit Herrn Dietze zusammen gefrühstückt hatte. Der Gedanke an den gräßlichen Anblick, den dieser gutmütige, alte Mann, von der Barrikade sinkend, geboten hatte, vermehrte sein Übelbefinden. Aber Heinrich schämte sich seiner Schwachheit und feuerte weiter.