Bald merkte er jedoch, wie ihn eine neue Schwäche anwandelte. Doch was war das? Narrte ihn seine Einbildung? Hatte er unter den an den Fenstern des Thronsaales stehenden Soldaten nicht soeben ein wohlbekanntes Gesicht gesehen? Die Helle des Tages war schon gewichen, – er mußte sich getäuscht haben! Aber sein Auge war außergewöhnlich scharf, das wußte er.
Heinrich nahm das Gewehr bei Fuß, legte beide Hände wie einen Schirm über die Augen und sah mit äußerster Anstrengung seiner Sinne nach dem Schloß. Da fielen plötzlich seine Arme herab, und kaltes Grausen kam über ihn. Nein, – jetzt war kein Zweifel mehr: er hatte unter einem der Tschakos ein breites Gesicht mit einem starken, weißen Schnurrbart gesehen.
Die dort im Thronsaal feuerten, waren Soldaten der 3. Kompagnie seines Regiments, und an jenem Fenster stand sein Vater – –
Hastig wandte sich Heinrich um und stieg die Leiter hinab. Es war die höchste Zeit, daß er zu Marschalls ging!
War er betäubt von dem Höllenlärm, in dem er so lange gestanden? Oder verwirrte ihn die entsetzliche Entdeckung so, die er eben gemacht? Heinrich schwankte, daß er fast auf die Straße sank. Mit Mühe ging er ein Stück zurück und setzte sich auf einen Fensterstock.
Endlich hatte er sich wieder soweit erholt, daß er seinen Weg fortsetzen konnte. Bei Marschalls würde er zu essen bekommen, das mußte ihn von neuem stärken. Da fiel ihm die Kranke ein, und dieser Gedanke beflügelte seine Schritte.
Er ging die große Brüdergasse entlang und durch das Gäßchen nach der kleinen Brüdergasse. Nun stand er vor dem Hause. Heinrich klinkte an der Tür; sie war verschlossen.
Er klopfte an, vergeblich. Er klopfte stärker und wiederholte es fünf-, sechsmal – niemand öffnete. Die Fensterladen im Erdgeschoß, wo die Kanzlei lag, waren geschlossen. Auch an sie klopfte er. Aber es kam niemand, um nachzusehen, wer Einlaß begehrte.
»Hallo!« schrie Heinrich, »Anna, Anna, – Valentine …«