Keine Antwort. Seine Stimme ging fast unter in dem Getöse des ohne Unterbrechung fortdauernden Feuergefechtes. Vier Häuser entfernt befand sich Stadt Gotha. Die kleine Brüdergasse traf die Schloßgasse im rechten Winkel. Die Barrikade stand dicht hinter der Ecke, daß er sie nicht sehen konnte. Aber die hin und her schwirrenden Kugeln sah er. Ihre Bahnen bildeten plötzlich erscheinende, dunkle Fäden, die ebenso rasch wieder abrissen, wie sie auftauchten, wenn das Geschoß am Ausgang der Gasse vorbeigeflogen war. Als wenn Geisterhände an einem ungeheuern, unsichtbaren Webstuhl arbeiteten.

Nur das unaufhörliche Krachen der Gewehre belehrte ihn, daß es keine Einbildung war, was er sah, und die lauten Rufe, mit denen die Schießenden ihre blutige Arbeit begleiteten, verstärkte den grausigen Eindruck.

Heinrich blickte verzweifelt an dem Hause hinauf. Es sah aus, als wenn es von seinen Bewohnern verlassen sei. Auch hinter den Fenstern der nebenliegenden Häuser konnte er keine menschliche Seele entdecken. Ob Marschalls schon geflüchtet waren? Und wohin? Diese Ungewißheit quälte ihn fürchterlich.

Da riß er sein Gewehr von der Schulter und schlug mit dem Kolben wiederholt heftig an die Tür, daß sie dröhnte. Aber es blieb alles still. Der dumpfe Schall im Hausflur bildete die alleinige Antwort.

Eine geraume Weile noch blieb Heinrich auf der Mitte der Gasse stehen, scharf zu den Fenstern hinaufspähend. Dann begann es zu dunkeln. Enttäuscht warf er sein Gewehr über die Schulter und entfernte sich langsam. Morgen in aller Frühe, bevor das Gefecht von neuem beginnen würde, wollte er wieder hier sein.

Nun ging er das schmale Gäßchen wieder zurück bis zur Wilsdruffer Gasse. Hier waren die Gasflammen angezündet, und eine dichtgedrängte Menge wogte auf und ab. Die meisten Männer waren bewaffnet, etliche angetrunken. Sie sangen Freiheitslieder oder stießen unflätige Rufe aus.

Aus einigen Häusern schleppten Freischärler und Turner unter wildem Geschrei Kommunalgardisten und angesehene Bürger heraus, nachdem sie in deren Wohnungen eingedrungen waren und die Besitzer mit Drohungen oder Gewalt zum Mitgehen veranlaßt hatten.

»Auf die Barrikaden mit den Hunden!« schrien sie und stießen die zu Tode Geängstigten vor sich her.

Heinrichs Blick fiel auf einen Greis, der augenscheinlich aus dem Bett geholt worden war und dem man keine Zeit gelassen hatte, die Oberkleider anzuziehen.