Zwei Frauen hielten ihn umschlungen: eine ehrwürdige, alte Dame und ein junges, bildschönes Mädchen. Sie weinten laut und beschworen die Bedränger, ihren Gatten und Vater freizulassen. Er sei krank und könne vor Fieber kaum stehen. Da faßten rohe Fäuste nach den Bittenden und rissen sie zurück. Die alte Dame rang die Hände ineinander und schrie verzweifelt auf, während das sich heftig sträubende Mädchen im Gedränge zu Boden geworfen wurde.

»Verfluchte Hexe!« brüllte ein zerlumpter Freischärler der zitternden Greisin geifernd ins Gesicht, »sollen wir uns die Knochen allein entzweischießen lassen? Hat nicht Ihr Mann noch in der vergangenen Woche im Tivoli den Krieg für Recht und Freiheit gepredigt? Nun haben wir den Kampf! Jawohl, Maulhelden spielen! Und wenn's dann losgeht, in's Bett kriechen!«

»Vorwärts, du alter Sünder!« schrie ein anderer dem Greise zu, der inmitten einer drohenden Rotte stand und ohnmächtig auf die gemißhandelten Frauen sah.

Da traf ein heftiger Kolbenstoß den Rücken des alten Mannes, daß er wankte. Dann rissen ihn die Freischärler mit sich fort. Die gellenden Wehrufe der alten Dame schallten ihnen hinterdrein.

Heinrich drängte sich zu dem noch immer mitten im Gewühl auf der Gasse liegenden jungen Mädchen. Ein ekelhaft aussehender Kerl kniete auf ihrer Brust und rang mit ihr.

»Lassen Sie augenblicklich das Mädchen los,« sagte Heinrich, sich niederbeugend, mit wutbebender Stimme.

Der Freischärler hielt die sich mit letzter Kraft Wehrende an den zarten Handgelenken gepackt und preßte ihr die Hände auf die Kehle. Als er die drohenden Worte vernahm, sah er auf und maß Heinrich mit funkelnden Augen. Im nächsten Augenblick empfing der Kniende einen Faustschlag gegen die Schläfe, daß er wie leblos auf das Pflaster sank.

»Stehen Sie auf,« sagte Heinrich und richtete die Zitternde in die Höhe. »Wo wohnen Sie?«

»Meine Mutter!« rief das Mädchen in den Tönen der Verzweiflung.

Heinrich sah sich um. Da bemerkte er die alte Frau, die inzwischen niedergesunken war und in Gefahr schwebte, von der Menge zertreten zu werden. Rasch schlang er den Arm um das Mädchen und bahnte sich mit seiner ganzen Kraft einen Weg durch das Gedränge. Nachdem er die Ohnmächtige erreicht hatte, nahm er sie in seine Arme und hob sie auf.