»Gehen Sie voran,« rief er dem Mädchen zu, »ich folge Ihnen!«

So gelangten sie zu einem vornehmen Bürgerhaus in der Wilsdruffer Gasse, in dessen erstem Stock sich die Wohnung befand. Heinrich legte die alte Frau behutsam auf das Sofa und wandte sich zum Gehen.

Da eilte ihm das Mädchen nach, ergriff seine Hände und küßte sie wortlos viele Male und unter heftigen Tränen. Heinrich fühlte, wie ihm die Bewegung die Kehle zuschnürte. Er dachte an Frau Marschall.

»Geben Sie Ihrer Mutter Wasser,« sagte er mit Anstrengung, »dann wird sie wieder aufwachen. Und schließen Sie das Haus zu.«

Damit ging er.

Auf der Gasse wurde er sogleich wieder vom Strom der Menge erfaßt und fortgeschoben. In einem der letzten Häuser vor dem Altmarkt sah er einen verschlossenen Laden, an dessen Tür mit Kreide geschrieben war: Heilig ist das Eigentum! Vor diesem Laden standen zwei Männer, unter deren Axtschlägen das Holz der Tür in Splitter flog. Jetzt fiel die Tür krachend ein, und ein paar heruntergekommene Gesellen, die auf diesen Zeitpunkt schon ungeduldig gewartet hatten, stürmten hinein. Im Nu war darin alles durcheinandergeworfen, und die Plünderer ergriffen die Goldwaren und Schmuckgegenstände und stopften sie in ihre Taschen, worauf sie hohnlachend den Laden wieder verließen. Ein anderer Haufe drängte hinein.

Mit grimmiger Enttäuschung erkannten diese Neugekommenen, daß alle Kästen bereits ausgeraubt waren. Einen lästerlichen Fluch ausstoßend, strich einer der Gesellen ein Schwefelholz an und warf es in einen Haufen Papier. Zischend fuhr die Flamme hoch auf und griff mit gieriger Gefräßigkeit um sich. Eine Minute später glich das Innere des Ladens einem Feuermeer.

Heinrich fühlte, wie ihn die Wut schüttelte, und er wandte sich ab. Wieder riß ihn der Strom fort bis zum Altmarkt. Hier standen die Menschen wie eingekeilt Schulter an Schulter.

»Wo bleiben die Zuzüge?« rief es von allen Seiten. »Brot fehlt! Geld wollen wir haben! Waffen! Waffen! Munition! Waffen!«