»Mitbürger! Der Kampf ist uns schnöde aufgezwungen worden! Aber die heilige Sache siegt! Die Gerechtigkeit muß triumphieren! Das langmütige sächsische Volk hat seine besten Söhne auf die Barrikaden gesandt, um die Einheit und Freiheit Deutschlands zu erkämpfen. Bewundernd richtet das ganze gesittete Europa seine Augen auf euch! Die ohnmächtig zusammengebrochene Regierung hat fremde Truppen herangezogen, – ein Schrei der Entrüstung zittert durch die gebildete Welt. Aber ihr werdet den Kampf mit um so größerer Tapferkeit fortführen, ihr, die Helden der Freiheit! Durch Nacht zum Licht! Tod den Bedrückern! Tod den Blutsaugern! Tod den Tyrannen! Es lebe das geeinte, freie und große deutsche Vaterland! Es lebe die Menschlichkeit! Es lebe die Revolution!«

Die Wirkung dieser Rede war unbeschreiblich. Während Tzschirner zurücktrat und sich die tropfende Stirn trocknete, brach auf dem Altmarkt ein ohrenzerreißendes Geschrei aus. Tausende von Stimmen jubelten, kreischten und brüllten durcheinander. Der Sprecher hatte alle Gemüter entflammt. Wäre er unter der Menge gewesen, so hätte man ihn vor Begeisterung zerrissen. Die Männer fielen in Verbrüderung einander um den Hals und küßten sich. Wer so unvorsichtig war, zu dem Gehörten Bedenken zu äußern, wurde blutig geschlagen. »Hoch die Revolution! Hoch Deutschland! Nieder mit den Volkstyrannen!«

Heinrich empfand einen heftigen Widerwillen gegen den wüsten Auftritt und wollte den Altmarkt verlassen. Als er versuchte, sich durch das Gedränge einen Weg zu bahnen, stand plötzlich hochroten Gesichts und mit rollenden Augen ein Freischärler vor ihm, der ihn schon eine Weile argwöhnisch betrachtet hatte.

»Warum stimmst du nicht in den Beifall ein?« schrie dieser ihn an.

Heinrich empfand nicht übel Lust, den Mann an der Kehle zu fassen. Aber er verlor seine Besonnenheit nicht.

Da holte der Kerl drohend mit dem Gewehrkolben aus. Heinrich schoß das Blut in die Schläfen. Wenn ihn jetzt die Beherrschung verließ, schlug er seinem Bedränger mit der Faust die Stirn ein. Im nächsten Augenblick würden ihn freilich die Umstehenden, die schon eine drohende Haltung annahmen, in Stücke zerreißen.

»Gib Beifall,« zischte der Freischärler, sinnlos vor Wut.

»Hoch! hoch!« rief Heinrich und zwang sein Gesicht zu einem Lächeln.

Da ließ der Mann von ihm ab, und der Kreis, der ihn umgab, öffnete sich.

Die schmetternden Klänge eines Horns hallten durch den Tumult. Alles lauschte nach der Richtung, aus der die Töne kamen. Auch Heinrich sah neugierig dahin. Da erkannte er, wie von der Seegasse her ein neuer Trupp auswärtiger Kämpfer vor das Rathaus marschierte. Die Ankommenden waren über und über mit Staub bedeckt und durch einen anstrengenden Gewaltmarsch sichtlich sehr ermüdet. Aber die Mehrzahl hatte ihre straffe Haltung bewahrt, und der Anblick der Menge und deren jauchzender Beifall richtete auch die Mattgewordenen wieder auf. Alle trugen Gewehre über den Schultern und auf dem Rücken gepackte Ränzel.