»Ich brauche euch nach diesen Worten nichts mehr zu sagen! Ihr wißt jetzt alles …«
Ein einziger Ruf der Zustimmung aus hundert Kehlen unterbrach ihn.
»Die Gewehre übernehmen! Zweimal linksschwenkt marsch!«
Da flogen die Flinten auf die Schultern, und die ermüdete Schar trat mit neu erwachter Kraft den Weg wieder an, den sie vor wenigen Minuten gekommen war.
Bis zu diesem Augenblick hatte die Menge das Schweigen gewahrt, das nach dem Beifallsturm von neuem eingetreten war. Jetzt aber brach ein wahres Höllengeschrei aus, und die Abziehenden wurden mit Schmähreden und Schimpfworten überschüttet. Die Wildesten unter der Menge stellten sich der Kolonne entgegen und versuchten, ihr den Weg zu versperren. Aber die Marschierenden schlossen dicht auf, und vor ihrem energischen Ausschreiten wichen die Wutheulenden zur Seite.
Heinrich war aus unmittelbarer Nähe Zeuge dieses Vorfalls gewesen, denn er hatte dicht neben dem großen Tor des Rathauses gestanden. Der Führer der Schar hatte ihm gefallen. Er mußte ein kernhafter Mann von altem Schrot und Korn sein. Auch seinen Leuten sah man die Achtbarkeit an und die knorrige Art ihrer Gesinnung. Schade, daß sie wieder abzogen! Das Toben der leidenschaftlich erregten Menge mußte jeden Vernünftigdenkenden allerdings mit Ekel erfüllen. Doch brachte eine bewaffnete Erhebung das wohl so mit sich.
Auch die überschwenglichen Worte des Kommandanten waren gerade nicht geeignet gewesen, die Abziehenden für die Sache zu gewinnen. Aber wuchert nicht auch zwischen den saftgeschwellten Halmen eines blühenden Kornfeldes allerlei Unkraut? Die braven Erzgebirgler müßten die Männer sehen, die auf den Barrikaden kämpften! Da würde ihnen das Herz aufgehen!
Andere Gedanken als diese kamen Heinrich nicht. Der junge Mann war ein reiner Tor und von der Lauterkeit der bürgerlichen Erhebung so durchdrungen, daß kein Argwohn in seiner Seele aufstieg. Er hatte niemand, der ihm die Binde von seinen Augen gelüftet hätte. So war er ein typischer Vertreter für viele. Der Advokat Marschall stand an der Spitze der Bewegung, Professor Richter, der Hofbaumeister Semper und andere Männer ohne Falsch, deren Namen mit Achtung genannt wurden. Das genügte Heinrich. Damit war bewiesen, daß das Volk berechtigt handelte! Hätte die Regierung die billigen Forderungen erfüllt, so wäre die Anwendung der Gewalt unterblieben. Anstatt aber nachzugeben, hatte sie das Volk vor den Kopf gestoßen – –
Heinrich hatte genug von dem Schreien, das seine Sinne verwirrte und dessen Ende nicht abzusehen war. In seinem Magen wühlte der Hunger. Aber woher sollte er jetzt etwas zu essen bekommen! In eine abgelegene Gasse laufen, um ein noch geöffnetes Wirtshaus zu suchen, danach fühlte er kein Verlangen. Er war zu abgespannt. Seine Müdigkeit war größer als der Hunger. Die Schwäche mußte wohl noch eine Folge der Gehirnerschütterung sein, die er erlitten. Schlafen, nur schlafen!
Da sah er die hellerleuchtete, breite Hausflur des Rathauses und trat hinein. Drei Ratsdiener sperrten ihm den Weg. Er drängte den nächsten zur Seite und ging durch die Halle. Im Hintergrund entdeckte er eine Tür, die ins Freie führte.