Elftes Kapitel
Als Kurt an jenem Abend von Valentine Abschied genommen und das Marschallsche Haus verlassen hatte, war das Mädchen noch eine Zeitlang in der Stube geblieben. Ihr ernstes Gesicht hatte deutlich verraten, wie der Abschied sie ergriffen. Sie wußte, daß es ein Lebewohl für immer gewesen war.
Der ritterliche Sinn des jungen Offiziers und sein vornehmer Charakter hatten auf Valentine, bald nachdem sie ihn kennen gelernt, einen tiefen Eindruck gemacht. Und sie hatte gefühlt, wie ihr Herz in seiner Gegenwart lauter schlug. So war nach kurzer Zeit für den jungen Offizier eine ungestüme Leidenschaft in ihr erwacht, die Valentine freilich vor aller Welt sorgfältig verbarg. Am ängstlichsten vor dem heimlich Geliebten selbst.
Aber warum hütete das Mädchen ihr zartes Geheimnis tief im Herzen? Warum verriet sie es selbst dann nicht, als sie glückselig gewahrte, wie der Geliebte verstohlen um ihre Zuneigung warb?
Valentine war trotz ihrer Jugend bereits eine jener stillen Frauen, deren sittliche Kraft im Entsagen stärker sein kann, als die stürmischen Wallungen des Herzens. Sie wußte, daß zwischen ihr und dem Geliebten die verworrenen Zeitverhältnisse eine tiefe Kluft schufen, die sich von Tag zu Tag erweiterte.
Anfänglich war die politische Bewegung Gemeingut aller gewesen. Besonders in der königstreuen Bürgerschaft bis zu den höchsten Kreisen hinauf herrschte tiefe Verstimmung, und das sehnlichste Verlangen nach einem endlichen inneren Frieden erfüllte aller Herzen. Wohl gab es erhitzte Gemüter, die maßlose Forderungen in das Land hineinschrien. Aber sie waren in der Minderzahl, und ihr Gebaren wurde verurteilt.
Als die Partei der Gemäßigten im Laufe der weiteren Entwicklung aber sah, daß sie für ihre ruhig ausgesprochenen Wünsche bei der Regierung kein Gehör fand, als sie erkannte, wie oben die Verwirrung bis zur Kopflosigkeit wuchs, als sich die Spannung zwischen Landtag und den Regierungsvertretern stetig erhöhte und die Behörden, anstatt Nachgiebigkeit zu üben, scharfe Polizeimaßregeln ergriffen, da sah mancher wahrhaft vaterländisch Gesinnte sorgenvoll in die Zukunft, und die Anhängerschaft der Regierungsfeindlichen wuchs mit bedrohlicher Schnelligkeit.
Aber noch immer wurzelte das Programm der radikalen Partei im Boden der bestehenden monarchischen Staatsform.
Da schoß aus der Tiefe des leidenschaftlich bewegten Volks plötzlich die Flamme der Unbotmäßigkeit hoch auf. Die Luft schien mit einemmal von einem berauschenden Element durchdrungen zu zu sein, das auch die Sinne der ruhig gebliebenen Kreise der Bürgerschaft allmählich umfing. Viele von denen, die bisher mit einer friedlichen Schlichtung der Wirrungen gerechnet hatten, erklärten sich jetzt für die Anwendung von Gewalt, denn sie fühlten ihr Hoffen enttäuscht und sahen keinen andern Ausweg.
Valentinens kühler Verstand hatte diese Entwicklung geahnt. Aus diesem Grunde war sie auf der Hut gewesen, daß die Stimme ihres Herzens dem Geliebten nicht verriet, wie es um sie stand. Sie kannte den ehrenhaften Charakter des jungen Offiziers nur zu gut und wußte, daß ihn seine politischen Anschauungen und die hohe Auffassung von seinem Beruf eines Tages von ihr trennen würden. Sie wollte ihn deshalb nicht an sich fesseln, um ihm und sich selbst den Schmerz der Entsagung zu erleichtern.