Noch erkannte das Auge des Unerfahrenen nicht die über aller Häuptern schwebende Katastrophe. Hofften doch selbst Männer, die das Leben reif gemacht, in blinder Harmlosigkeit so lange auf ein gütliches Ende, bis der Sturm losbrach und ihnen die Zügel der Führerschaft entriß.
Diese Empfindungen hatten Valentine unablässig erfüllt. Kurt mußte vor einem schweren inneren Kampf bewahrt bleiben! Sie war fest überzeugt, daß er von ihr gehen würde, auch wenn sich ihre Seelen gefunden. Aber er sollte sich nicht mit blutendem Herzen von ihr wenden. Deshalb kämpfte das Mädchen tagein, tagaus einen verzweifelten Kampf gegen die stetig wachsende Leidenschaft in ihrem Herzen.
Lange hatte sie geschwankt, ob sie dem Geliebten nicht selbst die Augen öffnen sollte. Doch hatte Valentine dies immer wieder hinausgeschoben, weil auch sie die drohende Nähe der Gefahr nicht erkannte und ihr Herz bei dem Gedanken bebte, von ihm Abschied nehmen zu müssen. Selbst als sie wußte, daß sie für die rücksichtslose Anwendung der schärfsten Gewalt mit noch größerer Entschiedenheit eintrat, als viele Männer, hatte sie nicht vermocht, sich von Kurt zu trennen. Bis Valentine endlich nach furchtbaren Seelenkämpfen ihr Herz besiegt und den Geliebten um seinen letzten Besuch gebeten hatte, der ihren Abschied bringen sollte.
Da hatte sich während weniger Stunden jener große Umschwung der politischen Verhältnisse vollzogen, und die Binde war von Kurts Augen gefallen. Aus freiem Antrieb war er gekommen, um zu erklären, daß ihn Pflicht und politische Überzeugung zwängen, den väterlichen Freund nunmehr als Gegner zu betrachten. Und als sie sich zum Abschied die Hand gereicht, hatte Valentine noch einmal den vornehmen Charakter des Geliebten im Blick seiner Augen empfunden.
Wie auch die Zeiten sich immer gestalten würden, sie wußte, es war ein Abschied fürs Leben. In steifer Haltung, die Hand schwer auf den Tisch gestützt, hatte Valentine dem Gehenden nachgesehen. Als seine Gestalt in der Tür verschwand, war es ihr, wie wenn Eiseskälte nach ihrem Herzen zog. Und sie mußte alle Kraft aufbieten, um die drohende Schwäche zu überwinden.
Endlich hatte sie den Blick von der Tür gewandt und war mit steifen Schritten zu der kranken Mutter hinaufgegangen.
Frau Marschall lag in hohem Fieber. Valentine hieß Anna gehen, um während der Nacht allein bei der Kranken zu bleiben. Wie Professor Richter angeordnet, kühlte sie unaufhörlich die heiße Stirn der Mutter mit kaltem Wasser und bot ihr für den brennenden Durst erfrischende Zitronenlimonade.
Es war gerade jene Nacht, in der die Aufrührer an dem Bau der Barrikade bei Stadt Gotha mit Anspannung aller Kraft arbeiteten.
Valentine saß neben dem Bett und wendete kein Auge von der kranken Mutter und achtete auf deren leiseste Bewegung. Die kleine Öllampe verbreitete in der Kammer einen trüben Schein. Von der nahen Schloßgasse drangen die aufgeregten Rufe der fieberhaft Arbeitenden herein. Die schweren Hammerschläge hallten von dem harten Granit laut durch die stille Nacht und bereiteten der Kranken fürchterliche Pein. Sie warf sich im Bett ruhelos hin und her und stieß in der Fieberhitze unaufhörlich wirre Worte aus.
Kurz nach Mitternacht kehrte Valentinens Vater in höchster Abspannung nach Hause zurück. Bevor er gegangen, hatte er lange geschwankt, ob er seine kranke Frau verlassen durfte, bis er es gegen Abend mit schwerem Herzen endlich doch getan hatte. Jetzt, wo die Lage so bedrohlich geworden, war es dringend notwendig, daß die besonnen Gebliebenen ihren Einfluß geltend machten. Die Stimme seines Herzens mußte schweigen, denn das Wohl und Wehe vieler stand auf dem Spiel. Und was würde man sagen, wenn er, einer der Führer der Bewegung, in der entscheidenden Stunde an seinem Platz gefehlt hätte?