Die letztvergangenen Tage hatten Marschall große Aufregung und harte Anstrengung gebracht. Und die plötzliche schwere Erkrankung seines guten Weibes, das er voll Zärtlichkeit liebte, hatte ihn fast zusammenbrechen lassen.
Dazu quälten ihn die ersten bösen Zweifel, ob es recht gewesen, daß er der unaufhaltsam steigenden Erregung, soweit seine Kräfte reichten, nicht Einhalt getan hatte. Wohl wußte er sich frei von dem Vorwurf, das Feuer der Empörung frivol geschürt zu haben, – er hatte immer zur Mäßigung geraten. Aber hätte er sein Ansehen zugunsten einer ruhigeren Entwicklung nicht noch energischer geltend machen können?
Der alte Mann mit dem weichen Gemüt beugte sich über die Bewußtlose und küßte ihre heiße Stirn. Die Kranke schreckte zusammen und murmelte unverständliche Worte. Tief erschüttert sank Marschall auf einen Stuhl. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt.
Da trat Valentine hinzu und nötigte ihn, sich zur Ruhe zu begeben. Sie sah, wie gebrochen ihr Vater war, und fühlte, wie er litt. Aber er wehrte ab und wollte mit ihr wachen. Endlich gelang es ihrem Zureden, daß er sich zu Bett legte. Ihre ruhigen Worte machten ihn sichtlich gefaßter. Er bewunderte im stillen die seelische Stärke seiner Tochter und schämte sich seiner Weichheit.
Als der Vater die Kammer verlassen hatte, setzte sich Valentine wieder an das Bett. Auch auf sie stürmten Zweifel ein. Aber sie schalt sich schwächlich und verscheuchte unwillig diese Anwandlung. So wie es jetzt stand, hatte es kommen müssen. Ja die Bewegung mußte weiterschreiten, – bis zum Äußersten! Sonst wäre die Tätigkeit der Führer doch nur das Spiel unreifer Knaben gewesen.
Man stritt um die höchsten Güter des Volks! Jetzt gütlich beigeben, wäre schimpflich. Ein Zurück gab es nicht mehr. Es war gut, daß alles auf des Messers Schneide stand. Willigte die Regierung nicht noch in letzter Stunde in die Forderungen, so mochte die alte Form zerbrechen. Die nächsten Tage würden den Herrschenden zeigen, daß mit der Geduld des langmütigen Volks kein Mißbrauch getrieben werden durfte. Seine Wünsche mußten erfüllt werden. Sonst trat es die bestehenden Gesetze in Grund und Boden!
Valentine schloß während der ganzen Nacht kein Auge und verrichtete ihren Dienst mit peinlicher Sorgfalt. Erst gegen Morgen wurde die Kranke ruhiger und verfiel endlich in einen tiefen Schlaf, aus dem sie auch der Lärm nicht weckte, der mit dem anbrechenden Tag auf den Gassen verstärkt wieder anhob.
Als Professor Richter gegen Mittag Frau Marschall besuchte, war sie eben erwacht. Wenngleich sie sehr schwach war, fand er ihren Zustand doch viel besser und erklärte, daß jetzt alle Gefahr vorüber sei. Advokat Marschall, der inzwischen schon wieder ein paar Stunden auf dem Rathaus gewesen war, mußte an sich halten, daß er vor dem Bett nicht niedersank. Voll tiefer Rührung strich er mit der Hand zärtlich über die bleichen Wangen der Kranken, die ihm seine Liebe mit dankerfüllten Blicken lohnte. An das Verlassen des Betts war vorläufig freilich nicht zu denken. Doch sollten der Kranken kräftigende Speisen gereicht werden.
Die Gesundung ging nunmehr rasch vorwärts, denn Frau Marschall besaß eine kräftige Natur. Am nächsten Tag war sie schon ohne Fieber und konnte sich im Bett aufsetzen, und der Appetit wurde rege. Während der darauffolgenden Nacht schlief sie bis zum Morgen.
Valentine wich nicht von dem Bett der Mutter und blieb auch nachts in deren Kammer. Advokat Marschall war tagsüber immer abwesend. Ab und zu kam er atemlos nach Hause geeilt. Wenn er die weiterschreitende Besserung gewahrte, hellte sich sein sorgenerfülltes Gesicht auf, und er setzte sich neben die Kranke und plauderte zärtlich mit ihr.