Aber die beiden Frauen sahen, wie ihn die Unruhe quälte. Deshalb hielten sie ihn nicht zurück, wenn er sie nach kurzer Zeit voll Hast wieder verließ. Er vermied auch, von den Vorgängen in der Stadt zu sprechen, und empfand es mit stillem Dank, daß ihn niemand danach fragte. Mutter und Tochter schwiegen auch zueinander darüber, als ob eine heimliche Vereinbarung unter ihnen bestünde.

Frau Marschall ahnte, daß sich die Lage aufs höchste verschärft hatte und seufzte zuweilen verstohlen. In Valentine aber frohlockte es. Das Getöse auf der Straße verriet ihr, daß man das begonnene Werk nicht schmachvoll im Stich lassen wollte.

Am darauffolgenden Donnerstag kam Professor Richter erst spät abends und verordnete, daß die Kranke noch acht Tage im Bett bleibe. Sie sei sehr von Kräften gekommen, und man müsse auf der Hut sein, damit kein Rückfall eintrete.

Er erzählte, das Linienregiment Albert habe das Schloß besetzt, und bei dem Versuch, das Zeughaus zu stürmen, sei das erste Blut geflossen. Stundenlang hätte er an den Verwundeten schwere Operationen vornehmen müssen, daß er ganz abgespannt sei. Auch wäre er vom Sicherheitsausschuß beauftragt worden, in Gasthäusern und Schulen Lazarette zu errichten. Für diesen Zweck müsse er Pflegepersonal anwerben und für Betten, Instrumente und Verbandzeug sorgen. Nun fehlten freilich noch die Ärzte, und die wolle er in dieser Nacht gewinnen. Die Lage sei schlimm. Schon der nächste Tag könne schwere Kämpfe bringen.

Mit diesen Worten verabschiedete er sich. Die beiden Frauen blieben wach, um den Vater zu erwarten. Als dieser eine Stunde darauf aber noch nicht zurückgekehrt war, löschte Valentine die Lampe aus und begab sich zur Ruhe.

Am Morgen in aller Frühe wurden sie durch heftiges Gewehrfeuer geweckt. Valentine kleidete sich rasch an und beruhigte die bestürzte Mutter. Dann eilte sie in die Kammer des Vaters. Sein Bett war unberührt; – er war während der Nacht nicht nach Hause gekommen.

»Der Vater ist spornstreichs auf das Rathaus gelaufen,« sagte sie zu der Kranken, um sie nicht noch mehr zu ängstigen. »Sobald sich ihm eine freie Viertelstunde bietet, kommt er nach Hause. Ich will nur gleich einmal die Anna auf die Gasse schicken, damit wir erfahren, was das Schießen bedeutet.«

Nach kurzer Zeit kam Anna mit allen Zeichen des Entsetzens zurück. Der König und die Minister seien geflohen, und der Aufstand wäre ausgebrochen. Die Truppen schössen vom Schloß aus nach Stadt Gotha und die bürgerlichen Kämpfer von der Barrikade nach dem Schloß. Soeben habe man in die Apotheke am Altmarkt die ersten Verwundeten gebracht.

Das Gewehrfeuer schwieg während des ganzen Tages nicht, und der Lärm auf der Gasse wuchs von Stunde zu Stunde.