Frau Marschall lag stumm in den Kissen, und Valentine erriet, daß die Mutter schwere seelische Qualen litt. Aber kein Wort der Klage kam von den Lippen der Kranken. Der Gedanke an den Gatten bereitete ihr fürchterliche Pein. Er war einer der Führer der Aufständischen! Und sie dachte an die große Verantwortung, die er auf sich gehäuft. Solange die Leiter der Bewegung aufgeregte Reden gewechselt hatten, war sich vielleicht keiner des furchtbaren Ernstes bewußt gewesen, der hinter ihren Worten stand.
Jetzt war das Spiel mit Worten aus, und die Flamme des Bürgerkriegs war zischend aufgefahren!
Am Nachmittag trat Herr Marschall überraschend in die Kammer. Sein Gesicht war verstört. Aber die Frauen erkannten, daß er das Schwere, was ihn drückte, mit Fassung trug. Frau Marschall wollte ihm im ersten Aufwallen ihres Herzens die Hände entgegenstrecken. Aber sie tat es nicht, weil sie glaubte, ihr Trost könne ihn nur noch mehr bedrücken.
Wie immer unterließ es Marschall, von den Kämpfen mit den Truppen zu sprechen. Dafür erzählte er, daß Stadtrat Meisel und einige andere Ratsmitglieder sich heute morgen zum Stadtkommandanten begeben hätten, um mit ihm zu unterhandeln. Für diesen Abend sei eine weitere Verhandlung mit General Schulz verabredet worden, an der auch er teilnehmen wolle. Die alte Regierung bestünde nicht mehr. Wenn es gelänge, die Truppen zu bewegen, die provisorische Regierung anzuerkennen, wäre der Aufstand beendet.
Frau Marschall schöpfte bei diesen Worten Hoffnung und wünschte den Verhandlungen einen glücklichen Erfolg. Valentine aber blieb stumm.
Dann legte sich Advokat Marschall auf ein paar Stunden nieder und verließ gegen Abend wieder das Haus. Bald darauf kam Professor Richter für wenige Minuten. Er brachte einen alten, zuverlässigen Mann mit, der im Hause bleiben sollte, damit die Frauen des männlichen Schutzes nicht gänzlich entbehrten. Auch riet er, die Haustür immer verschlossen zu halten.
Den Zustand der Kranken fand Professor Richter vortrefflich. Frau Marschall war vollständig fieberfrei. Er erzählte, daß immer mehr Verwundete hereingebracht würden, und welche Schwierigkeiten es habe, genug Pflegerinnen zu finden. Für die Lazarette hätte er zur Not ausreichend bekommen. Aber hinter den Barrikaden wolle keine Samariterdienste tun. Der Transport der Verwundeten nach den Lazaretten werde so verzögert, daß oft die Verletzten erst als Sterbende gebracht würden. Viele Kämpfer wollten wegen der Verwundeten nicht aus dem Gefecht weichen. Doch gäbe es auch eine große Anzahl von Maulhelden, die schwadronierend durch die Gassen zögen und nicht Hand anlegten. Allein im Hotel Stadt Rom hätten sich heute nachmittag drei Verwundete verblutet, weil man sie zu lange liegen gelassen.
Als Valentine dies hörte, richtete sie sich steil auf. Da fiel ihr Blick auf die Mutter. Und sie zwang die Worte zurück, die ihr auf der Zunge lagen.
Während sich Professor Richter zum Gehen anschickte, trat Friedchen in die Kammer. Ihr Haar war wirr und ihr Gesicht verängstigt.
»Wann wird denn nun endlich die gräßliche Schießerei aufhören, Herr Professor,« klagte sie, »man kommt gar nicht mehr dazu, seine Lektüre mit Andacht zu genießen. Wie schwer einem das bißchen Leben doch gemacht wird! Kaum hat man sich mühsam in eine gefühlvolle Stimmung hineingelesen, knallen auch schon wieder die Flinten roh dazwischen.«