Professor Richter sah verständnislos in Friedchens bekümmertes Gesicht. Zwar kannte er sattsam ihre Schrullen, aber angesichts der furchtbaren Wirklichkeit, daß nur wenige Schritte vom Hause entfernt der mörderische Kampf tobte, fand er keine Antwort. In Eile griff er nach seinem Hut und empfahl sich.

Friedchen blieb noch eine Weile sitzen und barmte über die böse Zeit. Warum die Menschen nicht mit dem zufrieden wären, was sie besäßen. Es gäbe doch keinen, der alles hätte, was er sich wünsche. Wer aber satt zu essen habe und öfters in ein gutes Buch sehen könne, der begehe wahrhaftig einen Frevel, wenn er dann noch unzufrieden sei. Was wollten denn die Leute eigentlich! Früher waren die Menschen besser! Erst seit kurzer Zeit sei alles außer Rand und Band. Nun stellten sie sich gar noch auf die Straße und molestierten die Friedfertigen mit ihrem Geschieße, wodurch doch nur Unglück passiere. Man könne nicht immer bloß während der Nacht lesen, das verdürbe die Augen. Und versuchte man, tagsüber ein paar Stunden zu schlafen, so verhinderte einen wieder das ewige Geknalle daran, Ruhe zu finden.

Weder Frau Marschall noch Valentine hatten versucht, den Wortschwall zu unterbrechen. Gegen Tante Friedchens Einfältigkeit war nicht anzukämpfen.

Viele Jahre lang hatte Frau Marschall unsägliche Mühe darauf verwendet, die in ihrem Hause lebende jüngere Schwester zu ernster Arbeit zu bewegen. Vergebens. Jeden freundlichen Zuspruch hatte sie unter heftigem Weinen angehört. Jetzt ließ man sie in Ruhe.

Friedchen war harmlos und gutmütig und gab von ihrem ererbten Kapital den Armen reichlich. Sie half Wohltätigkeitsanstalten gründen und unterstützen und hielt im Kreise gleichgesinnter Kaffeeschwestern lange und verworrene Reden, mit besonderer Vorliebe über die Veredelung des Menschengeschlechts. Damit war ihre Tätigkeit aber auch zu Ende. Den übrigen Teil ihres unschuldsvollen Lebens verbrachte sie mit Lesen. Sie verschrotete die Bücher zentnerweise und die süßlichsten waren ihr die liebsten. In den Leihbibliotheken der Stadt war sie wie zu Hause. Konnte sie eines neuen Buches habhaft werden, so verschlang sie es und brauchte unterdessen weder leibliche Nahrung noch Schlaf. –

Am nächsten Vormittag trat Valentine in Friedchens Stube. Die Tante saß im Nachtgewand auf der Bettkante und war in das auf ihren Knien liegende Buch so vertieft, daß sie Valentinens Kommen überhört hatte. Es mußte ihr sehr kalt sein, denn sie war unwillkürlich ganz in sich hineingekrochen. Aber ihre Augen glänzten, und auf den Wangen des übernächtig bleichen Gesichts stand ein roter Tupf.

»Guten Morgen, Friedchen! Ich dachte, du schliefest noch,« sagte Valentine.

Friedchen wachte wie aus einer fernen Welt auf und sah die Nichte verständnislos an, bis sie deren Worte begriffen hatte.

»Schlafen? Ich schlafen? Wer könnte denn bei einem solchen Buch ein Auge zutun! Du vielleicht? Ach ja, du bist doch ganz anders, als ich. Nein, Valentinchen,« setzte sie mit einem verzückten Augenaufschlag hinzu, »dieser himmlische Clauren!«

Valentine überhörte die herausgesprudelten Worte.