»Kleide dich nur rasch an,« versetzte sie, sich zur Tür wendend, »und komm herunter. Unterdessen will ich's der Mutter sagen.«
Als Friedchen eine halbe Stunde darauf in die Kammer der Kranken trat, stand Valentine schon zum Fortgehen bereit am Bett der Mutter, die die Hand ihrer Tochter mit beiden Händen umfaßt hielt. Keins von ihnen sprach ein Wort; ihre Blicke ruhten zum letztenmal stumm ineinander. Sie dachten wohl daran, daß sie sich nicht wiedersehen würden.
Valentine hatte ihren Wunsch nur mit wenigen Worten zu erklären brauchen. Die Kranke hatte ein paarmal tief geatmet, dann war sie wieder still geworden. Sie verstand alles! Eine köstliche Ruhe war über sie gekommen. Wie Valentine hoch aufgerichtet neben dem Bett gestanden und sie angesehen, wußte die Kranke, daß eine tiefe Wandlung im Innern ihres Kindes erfolgt war. Die Mutter hatte immer einen kühlen Hauch verspürt, wenn Valentine in den letzten Wochen mit männlichem Sinn davon gesprochen, daß das Volk aufstehen müsse. Jetzt sprach ihr Herz. Und was Valentine zur Ausführung ihres Entschlusses drängte, war ja der Gedanke an den Vater!
»Mein mütterlicher Segen begleitet dich, mein Kind,« sagte Frau Marschall und küßte Valentinens Lippen.
»Gott behüte dich, Mutter,« antwortete diese mit zuckendem Mund, »grüße den Vater!«
Dabei glitt ihre Hand schmeichelnd über das schmale Gesicht der Liegenden und über das glattgestrichene, silberglänzende Haar.
Wortlos reichte Valentine der Tante die Hand. Friedchen war so ergriffen, daß sie unter fließenden Tränen nur ein paar kurze Abschiedsworte stammeln konnte. Dann wandte sich Valentine zum Gehen.
An der Türe blieb sie plötzlich stehen und blickte zu dem Bett zurück. Während einer knappen Sekunde sahen sich Mutter und Tochter noch einmal stumm in die Augen. Der ganze furchtbare Ernst des Abschieds lag in diesem Blick. Die Kranke erkannte die bange Herzensnot der Tochter, und ein trostreiches Lächeln verklärte ihr stillfriedliches Gesicht. Da lächelte auch Valentine und nickte der Mutter zum letztenmal zu. Im nächsten Augenblick schloß sich die Tür hinter ihr.
Frau Marschall schaute eine lange Weile regungslos auf die leere Stelle. Dann schauerte sie zusammen, wandte ergebungsvoll das Gesicht nach der Wand und sagte mit schwacher Stimme: