Als auch er sich dafür erklärte, daß das Volk die Erfüllung seiner Forderungen erzwingen müsse, hatte er mit vielen Anderen geglaubt, die Regierung würde den Kampf nicht annehmen, sondern nachgeben. Statt dessen blieb sie fest. Und nun dieser entsetzliche Zustand!
»Leg' dich nieder, lieber Mann,« sagte Frau Marschall sanft und streichelte seine Hand.
Da stand der Schwergeprüfte auf, beugte sich über seine Frau und ließ es geschehen, daß sie ihre Arme um seinen Hals schlang und ihn wie ein Kind herzte und wieder und immer wieder küßte. Mit übermenschlicher Kraft mußte er an sich halten, daß er nicht vor Verzweiflung laut aufschrie.
Advokat Marschall konnte trotz seiner großen Müdigkeit keinen Schlaf finden. Von schweren Gewissensbissen gepeinigt, warf er sich im Bett hin und her. Im Hause war es totenstill. Auch von der Gasse drang kein Laut herein. Die alte Standuhr in der Wohnstube verkündete feierlich die abgelaufenen Stunden. Aus ihren gemessenen Perpendikelschlägen hörte er eine Stimme heraus, die heftige Anklagen gegen ihn ausstieß. Ab und zu hallte von fernher ein einzelner Schuß durch die schweigende Nacht. Sonst herrschte lautlose Stille.
Auf den Gassen war es menschenleer. Nur hinter den Barrikaden lagerten um eine einsame Laterne herum in der empfindlichen Kälte der Frühlingsnacht die todesmatten Schläfer, das Gewehr im Arm. Vielleicht gaukelten liebliche Bilder vor ihrer Seele, und sie sahen sich im Traum in der Heimat friedlich mit ihren Lieben vereint. Nur wenige Stunden noch. Dann flammte über der Dreikönigskirche purpurn das Frühlicht auf, und die Blutarbeit begann wieder.
Aus den Wassern des Stroms stiegen die Nebelfrauen herauf und fegten durch das Elbtal, ihre langen Gewänder hinter sich herschleifend. Dann fuhren sie über das hartgeprüfte Land. Wo sie eine Mutter oder Gattin wußten, die bleich hinter dem Fenster wachte und mit verhärmten Augen nach ihrem Teuern in die Nacht hinaussah, ließen sie ihre Schleier gleich Leichentüchern auf- und niederwallen. Vor jenem Felsen aber, auf dem hoch droben Sachsens König einsam weilte, liehen sie sich die Kräfte des Sturms. Hohle Klagelieder singend, umflatterten sie die schweigende Feste, schlugen an das eiserne Tor und rüttelten an den Fenstern.
An dem dunkeln Nachthimmel funkelten die Sterne in hellem Glanz, unbekümmert um den Hader der törichten Menschlein tief drunten, die sich voll Erbitterung zerfleischten, als wäre ihnen nie das Wort erklungen: Friede auf Erden!
Und wie in den zur Verteidigung hergerichteten Häusern und hinter den Barrikaden die bürgerlichen Kämpfer, so lagerten vor den Mauern des altehrwürdigen Königschlosses der Wettiner, im Zwinger und auf der Brühlschen Terrasse die stark erschöpften Truppen. Die heftigsten Vorwürfe waren ihnen von den Gegnern zugeschleudert worden, daß sie sich nicht scheuten, auf ihre Brüder und Väter zu schießen. Aber sie hielten ihren Treuschwur!
Das Andenken an diese braven Soldaten wird nicht untergehen. Mit helleuchtender Schrift ist in das Buch der Geschichte eingeschrieben: Sie waren Helden!
Und während im Rathaus, wo sonst für das Wohl der sächsischen Hauptstadt gewirkt wurde, bis zum frühen Morgen die Leitenden der bürgerlichen Kämpfer sich berieten, waren drüben im Blockhaus die Führer der Truppen vereinigt. An ihrer Spitze stand jener Mann von eisernem Willen, der für die Niederwerfung des Aufstands mit schärfster Gewalt eintrat: Kriegsminister Rabenhorst.